Wir brauchen stabile Beziehungen und strategische Geduld

Von Tanja Gönner

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Ob Bürgerkrieg in Syrien, eine völlig instabile Lage in Libyen oder islamistischer Terror in Nigeria: In vielen Regionen dieser Erde werden Menschen durch Konflikte, Armut, Beschäftigungs- und Perspektiv­losigkeit aus ihrer Heimat vertrieben. 

Seit dem Sommer 2015 haben mit dem Zustrom von Flüchtlingen nach Europa und Deutschland außenpolitische Themen verstärkt Einzug in die innenpolitische Debatte gehalten. Mit Tausenden von Syrern, Afghaninnen, Eritreern oder Nigerianerinnen rückt Entwicklungszusammenarbeit mitten ins öffentliche Bewusstsein der Deutschen. Dort macht sie sich seither breit. Und wird zunehmend hinterfragt: Warum hat Deutschlands entwicklungspolitisches Engagement nicht ­dazu beigetragen, dass sich Menschen erst gar nicht auf den Weg machen? Die Antwort klingt simpel und zynisch zugleich: Weil es darum nicht geht. Entwicklungspolitisches Engagement hält Menschen nicht von etwas ab, sondern es fördert. Und zwar die Lebensbedingungen von Menschen – auf lange Sicht und mit strategischer Geduld. 

Wir brauchen global gesehen keine nachholende Entwicklung nach dem Muster der ­alten Industrienationen, ­sondern eine internationale Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung, die diesem Anspruch gerecht wird.

Tanja Gönner

Wesentlicher aber ist: Das Lebenselixier unserer globalisierten Welt sind Austauschbeziehungen. Also der freie, wenn auch geregelte Fluss von ­Waren, Kapital, Dienstleistungen und Ideen. Und eben auch von Menschen über Grenzen hinweg. Globalisierung ist ein Arrangement auf Gegenseitigkeit. Wie all diese Austauschbeziehungen zu gestalten sind, darum müssen wir miteinander ringen. Dabei gilt es selbstverständlich, unsere Wertvorstellungen einzubringen. Denn es gibt einen sehr einfachen Grund für den entwicklungspolitischen Einsatz Deutschlands in der Welt: Wir können es uns gar nicht erlauben, nichts zu tun. Die Dramatik um die Flüchtlingskrise lässt vielfach vergessen, wie abhängig unser Land vom Rest der Welt ist. Wir brauchen die Beziehungen zum Rest der Welt. Ein Gutteil unseres erfolgreichen volkswirtschaftlichen Modells, unser Wohlstand und unser sozialer Frieden basieren auf stabilen und vertrauensvollen Beziehungen zu unseren Nachbarn – sowie auf der dauerhaften Verfügbarkeit von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen. Denn Deutschland ist ein extrem rohstoffarmes Land mit einem immens großen ökologischen ­Fußab­druck. Wir müssen daher einen Ausgleich schaffen, damit gegenseitige Abhängigkeiten gerecht ausgestaltet werden können. Denn auf Dauer ist unsere größte Herausforderung, die berechtigten Ver­sorgungs- und Konsumerwartungen einer rapide wachsenden Weltbevölkerung vom Verbrauch natürlicher Rohstoffe zu entkoppeln: Wir brauchen, global gesehen, keine nachholende Entwicklung nach dem Muster der alten Indus­trienationen, sondern eine internationale Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung, die diesem Anspruch gerecht wird. 

Deutschland ist ein­ ­Land mit immens großem ökologischen Fußabdruck

Dabei ist es eben nicht nur menschlich, sondern auch klug und vorausschauend, an einer globalen Entwicklung ein vitales Interesse zu hegen. Internationale Zusammenarbeit wirkt jedoch langfristig und nur, wenn sie strukturbildend ist – also zum Aufbau leistungsfähiger Institutionen beiträgt. Es gibt zahlreiche Beispiele, dass der Aufbau stabiler und selbsttragender Gesellschaften gelungen ist. Hunger wurde massiv eingedämmt. Wie sähe unsere Welt ohne diese Fortschritte aus?

Worauf es, um erfolgreich zu sein, jetzt und auf lange Sicht ankommt, ist eine intensivere Vernetzung von Außen-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, so wie sie jüngst sowohl das »Weißbuch« der Bundesregierung wie auch die EU Global Strategy anmahnten. Notwendig dazu sind leistungsfähige Staaten, die auf Rechtsstaatlich­keit und Gewaltenteilung beruhen. Deutschland kann und sollte zudem seine soft power-Eigenschaften einbringen, für die es weltweit anerkannt wird.