Wir brauchen eine gemeinsame europäische Idee

Von Tobias Zech

Von »Verantwortung, die Deutschland noch zu wenig eingeübt« habe, sprach Bundespräsident Gauck im Januar 2014 auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Viele sahen darin einen Aufruf an die deutsche Politik, sich stärker – auch militärisch – ins Weltgeschehen einzumischen. Aber ist das die Lösung? Ich denke, bevor wir kämpfen, müssen wir erst einmal wissen, wofür. Das ist unser Problem. Es fehlt eine gemeinsame Idee, ein gesamteuropäisches Wertefundament, auf das wir uns alle einigen können. Wenn wir wissen, wofür wir kämpfen und streiten, kommt das »wie« von selbst.

Europa schwächelt

Das europäische Projekt schwächelt etwas, aber woran liegt das? Daran, dass wir vergessen haben, warum wir uns in diesem Europa zusammengefunden haben. Und es ist Deutschlands Verantwortung, zusammen mit unseren europäischen Nachbarn diesen Grund wiederzufinden, ihn auszugraben. Die Erklärung dafür, warum es besser ist, in diesem Europa zusammenzuarbeiten, zusammenzuleben, als dass jeder allein für sich sein Heil sucht. 

Jede Generation muss den Grund neu finden, warum es sich lohnt, für ein vereinigtes Europa einzustehen.

Tobias Zech

Irgendwo auf der Strecke zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den letzten Erweiterungsrunden der Europäischen Union ist uns diese europäische Idee verloren gegangen. Nach dem Krieg war es dessen Vermeidung, die die ersten Annäherungen zwischen den ehemaligen Gegnern vorantrieb. »Nie wieder Krieg in Europa« lautete die Losung, unter der die Idee der »Vereinigten Staaten von Europa« nach 1945 geboren wurde. Mit der »Geburtsurkunde« der EU – den Römischen Verträgen – nahm diese Entwicklung ab 1957 Fahrt auf. Aus dem wirtschaftlich motivierten Zusammenschluss wurde eine immer stärker integrierte Union, die allen, die darin lebten, Frieden, Freiheit und Sicherheit garantierte. Als sich der Zusammenbruch des Ostblocks abzeichnete, stand die Europäische Union bereit, die Integration Europas voranzu­treiben und auch den Menschen in den ehema­ligen Warschauer-Pakt-Staaten Frieden, Frei­- heit und Sicherheit zu garantieren. 

Mittlerweile haben sich 28 Staaten unter dem blau-gelben Sternenbanner zusammengefunden. Gerade auch die wirtschaftliche Stärke der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hat zu ihrer Attraktivität beigetragen. 

Verloren in bürokratischem Klein-Klein

Doch im Moment scheint es so, als habe sich die Union überfordert mit der Geschwindigkeit ihres Wachstums, als habe man im Eifer des Gefechts die Befindlichkeiten des großen östlichen Nachbarn Russland nicht genügend berücksichtigt und vor allem als würde sich eines der erfolgreichsten Friedensprojekte der Menschheit in bürokratischem Klein-Klein verlieren. Nach der Ostintegration scheint es so, als habe das europäische Projekt an Fahrt verloren. Vielleicht weil man meinte, alle Ziele seien erreicht. Aber dem ist nicht so. Jede Generation muss den Grund neu finden, warum es sich lohnt, für ein vereinigtes Europa einzustehen.

Eines der erfolgreichsten Friedensprojekte der Menschheit verliert sich in büro­kratischem Klein-Klein.

Tobias Zech

Hier liegt die Verantwortung Deutschlands – als des Landes, von dessen Boden aus zwei Mal im vergangenen Jahrhundert Kriege gestartet wurden, die unermessliches Leid über den gesamten Kontinent brachten. Die Aufgabe liegt darin, den Prozess zu moderieren, in dem wir wieder den Grund finden, warum wir in diesem Europa zusammenarbeiten und zusammenleben wollen. Die wirtschaftliche Sicherheit kann da nur ein Teil sein. Wir müssen auch die umfassenderen Ideen betonen – Frieden, Freiheit und Sicherheit.

Wie wir diese Ideale mit Leben füllen, das müssen wir zusammen mit allen Beteiligten herausfinden. Hier kann es nicht angehen, dass die größte oder wirtschaftlich erfolgreichste Nation im Stile eines Hegemons ihre Vorstellungen den übrigen Nationen überstülpt. Das ist unsere Verantwortung.