Viel hilft viel – Afrika besiegt seine Krankheiten

Von Markus Schönherr

Es war das deutlichste Zeichen, dass die Krise zu Ende geht: das Kinderlachen in den Straßen und Schulhöfen von Monrovia. In Liberias Hauptstadt und in weiten Teilen des Landes hatten die Schulen im Februar 2015 nach einer Zwangspause wieder den Unterricht aufgenommen. Sieben Monate lang mussten Schüler zu Hause bleiben, um eine Ansteckung durch das Ebola-Virus zu verhindern – jenes Virus, das 11.300 Menschen in Westafrika in kürzester Zeit dahinraffte und Staaten in ihrer Entwicklung um Jahre zurückwarf.

In den meisten Klassenräumen wurden die Lernenden zunächst am Boden unterrichtet. Die Schulbänke mussten wegen der Infektionsgefahr verbrannt werden, und auch der beißende Geruch von Chlor, das die Wände desinfizierte, begleitete den Unterricht. Die Klassenzimmer quollen über, nachdem die Seuche auch Hunderte Lehrer getötet hatte. Und dennoch feierte Liberia die Wieder­eröffnung seiner Schulen als Sieg. Keine weiteren Gestalten in Schutzanzügen, die Leichen aus den Häusern schleppen, und keine abgeriegelten Nachbarschaften mehr. Das Virus war besiegt. Nach 14 Monaten durfte eine traumatisierte Nation auf eine Rückkehr zur Normalität hoffen.

Die Weltgemeinschaft sieht zu

Jedoch war es ein langer Weg bis zur Eindämmung der Epidemie – gezeichnet von Fehltritten. »Bei der Bekämpfung von Ebola haben alle zunächst erst mal versagt. Sowohl Afrika als auch der Westen – wir kamen alle ziemlich spät.« Diese Aussage stammt nicht von einem Beobachter, es ist das selbstkritische Fazit des Ebola-Beauftragten der deutschen Bundesregierung und heutigen Botschafters in Südafrika, Walter Johannes Lindner. »Europa und die Welt waren abgelenkt durch die Krise in Syrien, durch die beginnende Flüchtlingskrise und die Ukraine. Da war Ebola einfach zu weit weg.« Das Resultat, das die Weltgemeinschaft heute ver­antworten müsse: »ein gemeinsames Versagen« in der kritischen Anfangsphase der Epidemie.  

Die erste Organisation, die vor den Ausmaßen der Ebola-Ausbreitung warnte, war Ärzte ohne Grenzen (MSF). Später sollten die Ersthelfer scharfe Kritik an der Weltgesundheitsorganisation (WHO) üben und die Staatengemeinschaft eine »globale Koalition der Untätigkeit« nennen. Die Welt habe zu langsam reagiert und damit die Ausbreitung der Seuche ermöglicht. Jens Pedersen, leitender Politikberater von MSF Südafrika, erinnert sich an den anfänglichen Kampf gegen Windmühlen. »Nicht nur mangelte es den internationalen Akteuren an Taten, sondern auch an Interesse. Das zwang uns zu drastischen Maßnahmen bei unserer Kommunikation und Lobbyarbeit, darunter etwa unser Gang vor den UN-Sicherheitsrat im Oktober 2014.«

Deutschland wird aktiv

Der internationale Hilfsmotor lief nur langsam an und war erst auf Betriebstemperatur, als die Zahl der Neuansteckungen mit mehreren Hundert pro Woche ihren Höhepunkt erreicht hatte. »Dann waren wir jedoch effizient und konnten viel dazu beitragen, die Epidemie zumindest gegen null Neuansteckungen zu bringen«, berichtet der Ebola-­Beauftragte Lindner. Vor allem in Liberia, dem am stärksten betroffenen Land, konnte Deutschland zur Eindämmung beitragen. Im September 2014 hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Bundeswehrmitarbeiter zum freiwilligen Einsatz aufgerufen. Der Sanitätsdienst des Heers war »überwältigt«, als über 2.500 Meldungen bei der zuständigen Taskforce Ebola eingingen. Zwei Monate später landeten Gesundheitsarbeiter der Bundeswehr in Monrovia, um das Deutsche Rote Kreuz beim Einsatz in einer Ebola Treatment Unit (ETU) zu unterstützen. Laut einer Studie der Uni Sydney investierte Deutschland 220 Millionen US-Dollar in den Kampf gegen Ebola. Das war zwar ein Bruchteil der 921 Millionen aus den USA, doch immerhin mehr, als Kanada und China zusammen aufbrachten.

Deutschland investierte 220 Millionen US-Dollar in den Kampf gegen Ebola. Das war zwar ein Bruchteil der 921 Mil­lionen aus den USA, doch immerhin mehr, als Kanada und China zusammen aufbrachten.

Markus Schönherr

Ein Teil der internationalen Hilfsgelder floss in das Training von afrikanischen Gesundheitsarbeitern – die Ärzte und Pfleger der Unterstützung­sinitiative für den Ebola-Ausbruch der Afrikanischen Union (ASEOWA). Die Mediziner aus Nigeria, Äthiopien, Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo landeten zeitgleich mit den deutschen Helfern – in anderen Worten: zu spät. Das könnte man als Anfängerfehler verzeihen unter der Berücksichtigung, dass die AU zum ersten Mal nicht auf eine militärische, sondern auf eine humanitäre Krise reagierte. Doch der bittere Nachgeschmack bleibt. Die WHO, den Westen und Afrika trifft kollektiv die Schuld an mehr als 11.300 Toten. Für den Westen kommt ein moralisches Dilemma hinzu: Nicht die Solidarität mit Afrika spornte die Regierungen nach monatelangem Zögern endlich an, etwas zu unternehmen – sondern die Angst vor einer weltweiten Epidemie. Erst als das Virus die USA und Europa erreicht hatte, erwachte die Welt. »Ich hoffe, wir haben genug Lehren gezogen, damit wir künftig mehr Alarmmechanismen haben, die uns darauf hinweisen können«, so der frühere Ebola-Beauftragte Lindner. 

Gesundheitsreformen dank Ebola 

Tatsächlich geht die Welt gestärkt aus der Ebola-­Krise hervor, vor allem was staatliche Gesundheitssysteme, globale Reaktionsmechanismen und das Bewusstsein in den betroffenen Ländern angeht. Vielerorts herrscht ein neues Verständnis für Hygiene – der Mangel hatte die Ausbreitung von Ebola 2013 erst ermöglicht. »Weder verfügten wir über Schutzkleidung noch wussten wir, wie wir unsere Patienten schützen können«, erzählt Dr. Doussou Touré, Ärztin am Gesundheitszentrum Coléah in Guinea. »Es gab keine Möglichkeit, Patienten zu separieren und auf Ebola zu testen. Andere Patienten, Verwandte, Besucher oder Personal – jeder war den Kranken ausgesetzt.« 2015 baute die WHO in Coléah einen Triageraum für die Klinik, der erstmals eine Erstuntersuchung und Einteilung der Patienten nach Schwere der Krankheit erlaubte. Insgesamt entstanden im ländlichen Guinea 20 solcher Isolationszimmer. Zum ersten Mal sind heute selbst in abgelegenen Provinzkliniken Vorräte an Seife, Desinfektionsmittel und Handschuhen vorhanden. Zudem bildete die WHO das Gesundheitspersonal in Müllmanagement, Lagerverwaltung und verstärkter Hygiene aus. Drei Jahre nach dem Ebola-Ausbruch werden Ärzte und Pfleger vor Arbeitsantritt immer noch auf ihre Temperatur getestet. 

Wie wichtig die Maßnahmen sind, verdeutlicht das wiederholte Aufflammen des Virus: Zuletzt waren zwischen Januar und April 2016 vereinzelte Ebola-­Ausbrüche in Guinea, Sierra Leone und Liberia gemeldet worden. Den Grund sehen Forscher in einer hartnäckigen Infektion, durch die Ebola zwar nicht mehr im Blut nachweisbar ist, aber bis zu einem Jahr in den Augen, Samen und im Nervensystem überlebt. Doch die WHO beruhigt. Anders als 2013 besäßen die westafrikanischen Staaten heute die Mittel, um das Virus zu erkennen und zu isolieren. 

Mehr als Geld investieren

Es ist erfreulich, dass Deutschland nach der anfänglichen und unwürdigen Schlappe an der Ebola-Front heute nicht nur finanziell in die richtigen Bereichen investiert. Auch sein kollektives Know-how will man bei Gesundheitskatastrophen künftig zur Verfügung stellen. So schuf die Bundesregierung ein Team aus Epidemiologen und Labor­wissenschaftlern, das schon bei ersten Anzeichen eines Krankheitsausbruchs die Helfer vor Ort unterstützt. Die Experten entstammen dem Robert Koch-Institut und dem Bernhard-Nocht-Institut. Einer der ersten Einsätze führte die Experten 2016 nach Togo. Dort war Anfang 2016 das Lassafieber ausgebrochen. Für eine schnelle Diagnose fehlten vor Ort aber Labors und das nötige Fachwissen. Die deutschen Experten bauten ein Diagnostiksystem für das westafrikanische Land auf, trainierten Laborpersonal und halfen auf diese Weise, eine Ausbreitung zu verhindern. 

Will Deutschland eine Krise à la Ebola künftig verhindern, muss es gemeinsam mit anderen Entwicklungspartnern Afrikas Gesundheitssysteme stärken.

Markus Schönherr

Wichtiger als eine schnelle Reaktion bleibt jedoch proaktives Handeln. Will Deutschland eine Krise à la Ebola künftig verhindern, muss es gemeinsam mit anderen Entwicklungspartnern Afrikas Gesundheitssysteme stärken. Das ist nicht zuletzt dafür entscheidend, dass Entwicklungshilfe auf Augenhöhe stattfindet. Die Regierung unter Liberias Präsidentin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf hat wiederholt betont, wie wichtig der Schritt von militärischer zu sozialer Sicherheit sei. Festgehalten ist dieser Prozess in der »Agenda for Transformation«, die den Entwicklungsfahrplan bis 2030 vorgibt. Bis dahin will Liberia ein Land mittleren Einkommens werden. »Das Land braucht jedoch mehr als Geld«, erinnert das Institut für Sicherheitsstudien. »Es braucht die Weiterentwicklung von Fähigkeiten und strukturelle Unterstützung.« Tatsächlich schickt Deutschland mehr als nur Geld nach Afrika. Ein zunehmend wichtiger Export ist sein Fachwissen im Gesundheitsbereich. 2014 unterzeichnete die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine Absichtserklärung mit dem Kenyatta National Hospital in Kenias Hauptstadt Nairobi: Die deutsch-kenianische Zusammenarbeit soll das Qualitätsmanagement der Klinik vor allem im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit voranbringen. Ein weiterer wichtiger Baustein ist der Aufbau eines Informationssystems, das es dem lokalen Gesundheitsministerium ermöglicht herauszufinden, welche Dienstleistungen eine Klinik anbietet und welche die Patienten annehmen. 

Afrika feiert Erfolge – und Rückschritte 

»Afrikas Regierungen betrachten Investitionen in ihr Gesundheitssystem immer häufiger als Voraussetzung für die Produktivität der Bevölkerung«, meint auch Helen Rowland, Sprecherin der renom­mierten Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) in den USA. »Sie wenden mehr Ressourcen auf und suchen vor Ort nach Lösungen, um Krankheiten in den Griff zu bekommen.« Und Untersuchungen geben ihnen recht. Laut dem Impfzentrum der Bloomberg School of Public Health erbringt jeder US-Dollar, der in Immuni­sierungskampagnen fließt, 44 Dollar Gewinn an Wirtschaftsleistungen und eingesparten Behandlungskosten. Infolge der größeren Investitionen in seine Gesundheit sei Afrika heute nicht mehr der berüchtigte Kontinent der Seuchen und töd­lichen Parasiten, so Rowland. Im Gegenteil, er könne »große Fortschritte« bei der Bekämpfung von Krankheiten verbuchen. 

Bestes Beispiel ist Nigeria

Bestes Beispiel ist Nigeria. Noch vor vier Jahren lebte hier die Hälfte aller Patienten mit Polio. Die Uno erwartete, dass das westafrikanische Land als letzter Staat das Virus und die damit verbundene Kinderlähmung besiegen würde. 2015 verkündete die Regierung in Abuja jedoch: Polio ist besiegt. Den Erfolg verdankten die Nigerianer vor allem der Global Polio Eradication Initiative, einer Partnerschaft der nationalen Regierungen, von öffentlichen Organisationen (WHO, Unicef), privaten Gebern (Bill & Melinda Gates Foundation, Rotary Inter­national) und Experten (US Centers for Disease Control and Prevention). 200.000 Freiwillige hatten landesweit 45 Millionen Kinder unter fünf Jahren immunisiert. In ganz Nigeria hatten die Behörden Polio-Notkliniken eingerichtet. Nach Nigerias Erfolg blieben bloß Pakistan und Afghanistan, in denen das Polio-Virus noch verbreitet war.

Afrikas Regierungen betrachten Investitionen in ihr Gesundheitssystem immer häufiger als Voraussetzung für die Produk­tivität der Bevölkerung.

Markus Schönherr

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte erzählen die Bewohner der unteren Sahelzone – bis vor Kurzem bekannt als »Meningitis-Gürtel«. Über 26 Länder erstreckte sich das Verbreitungsgebiet des Virus, das jährlich Tausende Kinder an Hirnhautentzündung sterben ließ. Selbst wenn Meningitis früh diagnostiziert wird, endet es in bis zu zehn Prozent der Fälle tödlich. Überlebende haben eine 20-prozentige Chance, später an Hirnschäden, Hörverlust oder Lernschwächen zu leiden. Infolge der ver­heerenden Meningitis-Epidemie von 1996 mit mehr als 250.000 Infektionen und 25.000 Toten wurde der Ruf nach einer Impfung laut. Sie sollte Epidemien der Typ-A-Meningitis ein für allemal verhindern. 2001 entwickelte ein indisches Unternehmen den Impfstoff MenAfriVac, der mit 50 Eurocent pro Dosis einen Bruchteil des Marktpreises kostete. Es folgte das Meningitis Vaccine Project, eine beispiellose Impfkampagne von privaten und öffentlichen Partnern. Mehr als 230 Millionen Afrikaner erhielten die lebensrettende Immunisierung. Heute ist die Krankheit im Meningitis-Gürtel so gut wie ausgerottet. Wurden 1996 noch 250.000 Fälle gemeldet, schrumpfte die Zahl laut WHO 2013 auf vier. Im Tschad fiel die Meningitis-Rate nach der Massenimpfung um 94 Prozent. Auch den Kampf gegen Malaria werde Afrika gewinnen, meint Sarah Barber, WHO-Sprecherin in Südafrika. Heute hätten mehr Menschen Zugang zu Moskitonetzen und Sprays als noch vor 15 Jahren. 

Malaria-Rate um 37 Prozent gefallen

Die Malaria-Rate sei infolge um 37, die Zahl der Toten um 60 Prozent gefallen. Den größten Erfolg verzeichnen die Seychellen und Mauritius. Laut Forschern der Universität Pretoria konnten die afrikanischen Inselstaaten die durch Stech­mücken übertragene Krankheit ausmerzen. Swasiland, Namibia und Botsuana stünden kurz davor. Auch Südafrika gelang es in den letzten zwölf Jahren, die Todesrate bei Malaria-Patienten um 85 Prozent zu senken.

Investition für die Zukunft 

Das erneute Aufflammen von Polio und Meningitis untermauert, wie wichtig die Stärkung von Afrikas Gesundheitssystemen ist – über kurze, effektive Immunisierungskampagnen hinaus. »Um die Erfolge nachhaltig aufrechtzuerhalten, bedarf es einer umfassenden Stärkung des Gesundheitssystems«, so Jean-Olivier Schmidt, Leiter des Kompetenz­zentrums Gesundheit, Soziale Sicherung und Inklu­sion bei der giz. Deutschland ist von dieser Verantwortung nicht ausgenommen. Die Republik hat etwa die Polio-Impfkampagne seit 2004 mit 96,5 Millionen Euro unterstützt – Geld, das aus entwicklungspolitischer Sicht ohne weitere Investitionen in das staatliche Gesundheitssystem verschwendet wäre. Um eine Rückentwicklung Afrikas zum Krisen- und Seuchenkontinent zu verhindern, ist es für die Entwicklungspartner deshalb entscheidend, auf bisherigen Erfolgen aufzubauen. Das gilt auch für den Kampf gegen Meningitis. Gesundheitsexperten sehen die Wirkung des Meningitis Vaccine Project in Gefahr, falls Afrikas Regierungen die Impfung nicht bald in ihren staatlichen Impfplan aufnehmen. Acht Staaten im Meningitis-Gürtel haben bereits um finanzielle Unterstützung angesucht, um künftig jedes Kind nach der Geburt routinemäßig impfen zu können. 18 weitere werden vermutlich in den kommenden Jahren um Hilfe ansuchen, schätzt die WHO. 

Gute Regierungsführung – eine Voraussetzung für Gesundheit 

Durban, Südafrika. In dem Land mit den meisten HIV-Patienten der Welt tagte 2016 die 21. Inter­nationale Aids-Konferenz. Zu dem Gipfel in der Hafenmetropole waren 18.000 Delegierte aus 180 Ländern gereist, darunter Politiker, Aktivisten und Betroffene. Für die Weltgemeinschaft war die Aids-Konferenz ein Mahnmal, eine Erinnerung, dass Entwicklungshilfe an Voraussetzungen geknüpft sein sollte. Es mag ein diplomatischer Drahtseilakt sein, einerseits die Souveränität der Empfängerländer zu wahren, andererseits Zu­geständnisse afrikanischer Regierungen für die Hilfe zu erwarten. Dabei ist ausgerechnet gute 

Mehr als 230 Millionen Afrikaner erhielten die lebensrettende Immunisierung.

Markus Schönherr

Regierungsführung eine Voraussetzung für eine gesunde Bevölkerung. Bereits im Jahr 2000 tagte die Aids-Konferenz in Durban. Damals leugnete Südafrikas Regierung allerdings noch die wahren Umstände der Immunschwächekrankheit. Präsident Thabo Mbeki bestritt während seiner Regierungszeit von 1999 bis 2008 vehement den Zusammenhang zwischen HIV und Aids. Patienten empfahl seine Gesundheitsministerin eine Diät aus Knoblauch, Zitrone, Roter Bete und Olivenöl. Für seine Ignoranz erntete Mbeki weltweit Kritik. Studien der Universitäten Harvard und Kapstadt gehen davon aus, dass seine Aids-Politik 330.000 Tote und 171.000 Neuinfektionen forderte. 16 Jahre später verzeichnet Südafrika große Fortschritte im Kampf gegen die Krankheit. Das verdankt die Bevölkerung neben dem gesteigerten Bewusstsein der vorbildlichen Aids-Politik von Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi. »Wir geben mehr Geld für die Bekämpfung von Aids in Süd­afrika aus als der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria in ganz Afrika«, sagt Fareed Abdullah, Geschäftsführer der staat­lichen Aids-Kommission (Sanac). Umgerechnet 1,4 Milliarden Euro investiere die Regierung in Pretoria jährlich. Das ermögliche den weltweit größten Behandlungsplan: 3,4 Millionen Südafrikaner erhalten heute antiretrovirale Medikamente (ARV) vom Staat. Auch der deutsche Journalist und Autor des Buchs »Gott, Aids, Afrika«, Bartholomäus Grill, meint: »Man muss anerkennend sagen, dass Südafrika nach der skandalösen Aids-Ver­leugnungspolitik in der Ära Mbeki die Kurve gekriegt hat und heute auf eines der wirksamsten Aids-Bekämpfungsprogramme in Afrika stolz sein kann.« 

Drakonische Patente bedrohen Afrika

Auch der Ebola-Ausbruch verdeutlichte den Zusammenhang zwischen guter Regierungsführung und Krankheitsbekämpfung. »In Guinea, Liberia und Sierra Leone wurde die Ebola-Bekämpfung verzögert, da die Regierungen das Problem zunächst leugneten«, so das Institut für Sicherheitsstudien. »Medizinische Ressourcen fehlten, und das Volk misstraute den Regierungen massiv, wodurch offizielle Empfehlungen meist auf taube Ohren fielen.« Liberias Präsidentin Johnson Sirleaf erkannte als erste Politikerin, dass Ebola das »wirtschaftliche und soziale Gefüge« bedroht. Sie reagierte, und entsprechend konnte Liberia die Epidemie als erstes der drei am stärksten betroffenen Länder besiegen.   

In Guinea, Liberia und Sierra Leone wurde die Ebola- Bekämpfung verzögert, da die Regierungen das Problem zunächst leugneten.

Markus Schönherr

In Südafrika droht Tausenden Menschen ein frühzeitiger Tod aufgrund drakonischer Patenrechte. Selbst der Warnruf von MSF konnte Pharmagroßkonzerne in der Kaprepublik in der Vergangenheit nicht überzeugen, ihren eisernen Griff um den Markt zu lockern. Die Organisation plädiert seit mehreren Jahren für einen ethischen Umgang mit Patentregeln. Der ist jedoch weit entfernt. In einigen Entwicklungs- und Schwellenländern sei es laut MSF »sehr einfach«, ein Patent auf Medikamente zu erhalten. Müssten Pharmaunter­nehmen in anderen Staaten den Wirkstoff grundlegend verbessern, genüge in Südafrika etwa bereits eine andere Farbe für die Pille oder die Zugabe von Salz, um das alleinige Vertriebsrecht zu erhalten. Das Problem: Für den Großteil der Bevölkerung bleiben viele patentierte Medikamente unerschwinglich. Außerdem war es 2015 landesweit zu Engpässen bei der HIV-Arznei Aluvia gekommen. Kliniken mussten Aids-Patienten ohne Medikamente nach Hause schicken. Weil der Pharmakonzern AbbVie den Wirkstoff für den südafrikanischen Markt patentieren hatte lassen, mussten andere Pharmafirmen den Gesundheitsnotstand tatenlos mit ansehen. Der WHO zufolge verfügen die Staaten über Dutzende handelsrechtliche Bestimmungen, um für ihre Bevölkerung lebenswichtige Medizin zu günstigen Preisen zu besorgen. »Doch nur wenige Länder greifen darauf zurück. Entweder wegen der Bürokratie oder aufgrund politischen Drucks.« In erster Linie sind es Europa und die USA, die eine Konkurrenzsituation zwischen ihren Pharmaunternehmen und den Billiganbietern aus Indien verhindern wollen. 

Den freien Markt schützen oder zugunsten der Entwicklungspolitik regulierend in Handelsrechte eingreifen? Es sind schwierige Fragen, die sich der Westen stellen muss.