Schmelzende Gletscher und Boko Haram – es braucht eine Klimaaußenpolitik

Von Annalena Baerbock

Gletscher und sterbende Korallenriffe. Das sind die Bilder, die wir überwiegend mit dem Klimawandel verbinden. Die Überschwemmungen ­zu Hause oder der Tornado über Hamburg kommen einem nicht gleich in den Sinn. Und erst recht nicht islamistische Terrorgruppen wie Boko ­Haram. Doch es ist Zeit, sich auch stärker mit den Sicherheits- und Stabilitätsrisiken der Klima­krise auseinanderzusetzen.

Ein Beispiel: Der Tschadsee am Südrand der Sahara ist einer der weltweit größten Frisch­wasser­körper. Die Geschichte des Sees ist eng an die ­klimatischen Verhält­nisse der Region gebunden und spiegelt nicht nur, aber eben auch die ­Klimafolgen wider. Die Fläche des Sees ­ist seit den 60er-Jahren von ­circa 25.000 km² auf heute nur noch 1500 km² zurück­gegangen. 

Wir sind gut beraten, dem Nexus zwischen Klimafolgen und Stabilitätsverlusten mehr Beachtung zu schenken und kohärente Strategien zu entwickeln.

Annalen Baerbock

Zum Vergleich: Dies entspricht in etwa einer Flä­chenreduk­tion von Brandenburg auf das Saarland. Damit verschärfte sich die soziale Situation von Fischern, Viehhaltern und Landwirten dra­ma­tisch und leistete radikalen Gruppierun­gen, nicht zu­letzt auch der islamistischen Boko Haram, die die gesamte Region mit ihrem Terror überzieht, Vorschub.

Eine klimapolitische Doppelstrategie

Zwar lassen die multiplen Folgen der Klimakrise keine simple Kausalkette zwischen Erderhitzung und sozialen Konflikten zu. Doch die Klimakrise kann dort, wo die Situation ohnehin schon angespannt ist, zu einer Verschärfung von politischen und sozialen Spannungen und damit zu Konflikten und weiteren Eskalationen führen. Dies zeigt auch der Bericht »A New Climate for Peace (www.newclimateforpeace.org) auf, der unter anderem Ressourcenkonflikte, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit sowie extreme Wetter­- er­eig­nisse als Konfliktkatalysatoren ausmacht. Wir sind daher gut beraten, dem Nexus zwi­- schen Klima­folgen und Stabilitätsverlusten mehr Beachtung zu schenken und kohärente Strate­- gien zu entwickeln. Nachdem das Pariser Klima­abkommen im November 2016 in Kraft getreten ­ ist, braucht es nun eine klimapolitische Doppelstrategie: Einerseits sind glaubwürdige Treibhausgasminderungen in Deutschland und Europa essenziell, damit der Klimavertrag auch wirklich umgesetzt und die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzt wird.

Um mehr Verständnis für die sozialen Auswirkungen der Klimakrise zu schaffen, sollten deutsche Vertretungen im Ausland dieses Themenfeld gezielter in ihre Arbeit aufnehmen.

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Andererseits sollte Deutschland ebenjene dramatischen sozialen Folgen der Klimakrise adres­sieren und das politische Bewusstsein über den einsamen Eisbären auf der Scholle hinaus erweitern. Denn die Fragen der Klimaanpassung und auch von loss and damage, wie es im internationalen Klimajargon heißt, sind ebenso bedeutungsvoll. Hierbei geht es um den Umgang mit dem ­unvermeidlichen Verlust von Lebensraum, von kulturellem Erbe, indigenem Wissen oder sozia­ler Identität sowie um die Zerstörung von landwirtschaftlicher Nutzfläche oder Infrastruktur.

Ein Frühwarnsystem für mögliche klimabedingte Konflikte entwickeln

Um mehr Verständnis für die sozialen Auswirkungen der Klimakrise zu schaffen, sollten deutsche Vertretungen im Ausland dieses Themen­feld gezielter in ihre Arbeit aufnehmen und so dazu beitragen, ein Frühwarnsystem für mögliche ­klimabedingte Konflikte zu entwickeln. Damit würde Deutschland eine Forderung aus dem Pariser Klimaabkommen erfüllen und einen wichti­gen Beitrag für eine kohärente und nachhaltige Kli­ma­politik leisten. Darüber hinaus braucht es ­einen integrierten Ansatz für eine Klimaaußenpolitik. Die Bundesregierung muss ihre institutionellen Lücken zwischen den Ressorts schließen und die soziale Dimension der Klimakrise stär­ker in Deutschlands Außenpolitik einbeziehen. Dazu müssen Klimaanpassung, Entwicklungs­zusammenarbeit, humanitäre Unterstützung, klima­bedingte Schäden und Verluste sowie zivile Krisenprävention zusammengedacht, besser koordiniert und gemeinsam evaluiert werden.