Nur die Digitalisierung der Entwicklungshilfe schafft Transparenz und Messbarkeit

Von Thomas Heilmann

Die Krankenschwester im Cholerakrisengebiet legt die Impfampulle beiseite und greift zum Smartphone, scannt den Barcode auf der Impfverpackung und erstellt einen digitalen Impfpass für die behandelte Person. Das System im Hintergrund weiß somit genau, welcher Helfer wie viele Kinder wann und wo gegen Cholera geimpft hat, passt dies mit der Menge der verbrauchten Impf­ampullen zusammen, kennt die Lagerbestände und organisiert automatisch den Nachschub. 

Solche Systeme werden in der Industrie zunehmend Standard. Sie steigern die Effizienz, verbessern die Qualität und erhöhen die Transparenz von Kosten und Nutzen. Leider ist das geschilderte Beispiel in der Entwicklungshilfe immer noch Zukunftsmusik. Es mangelt dabei nicht an modernen App-Technologien, sondern vor allem an den vernetzten Systemen der NGOs dahinter. Nur so wäre eine Kompa­tibilität zwischen den verschiedensten Prozessschritten möglich und eine zentrale Wirksamkeitsmessung der Entwicklungs­ziele gewährleistet.

600 Milliarden Dollar jedes Jahr für weltweite Entwicklungshilfe

Rund 600 Milliarden Dollar fließen jedes Jahr in die weltweite Entwicklungshilfe. Vieles wurde damit bereits erreicht. So sank die Kindersterblichkeit in den letzten Jahrzehnten erheblich, während die Einschulungsquote erfreulicher­weise stieg. Dennoch bleibt es immer noch bittere Rea­lität, dass jede Sekunde rund 23 Kinder aus vermeid­baren Gründen sterben, weil sie keine Hilfe erreicht. 

Die Digitalisierung bietet die Chance, die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe erheblich zu verbessern: Man kann vernetzte Big-Data-Managementsysteme schaffen, in denen alle nicht personifizierten Daten der einzelnen Hilfsaktionen in Echtzeit gesammelt und analysiert werden können.

Thomas Heilmann

Die Lage in zu vielen Ländern ist bedrohlich für die betroffenen Menschen. Dass dies auch Auswirkungen auf Europa und Deutschland hat, bedarf keiner Erläuterung. Über eine politische Koordination ist das Problem kaum lösbar. Die Zahl der verschiedenen Akteure sowie ihrer Finanzierungsquellen ist zu hoch, als dass man sie auf einen Nenner bringen könnte. Außerdem duldet die Politik in vielen Nehmerländern nur begrenzt den Einfluss aus Geberländern. Vieles versickert in den Bürokratien korrupter Staaten.

Die Digitalisierung bietet die Chance, die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe erheblich zu verbessern: Man kann vernetzte Big-Data-Managementsysteme schaffen, in denen alle nicht perso­nifizierten Daten der einzelnen Hilfsaktionen in Echtzeit gesammelt und analysiert werden können. Nur so erhält man Antwort auf die entscheidende Frage: Halte ich meine selbst gesteckten Entwicklungsziele wirklich ein? Zu einer seriösen, der Öffentlichkeit gegenüber verantwortlichen Entwicklungspolitik gehört eine permanent zugängliche wissenschaftliche Evaluierung die­-ser Ziele. So schafft man nicht nur notwendige Transparenz und Vertrauen, sondern erhöht das Optimierungspotenzial vieler Prozessschritte erheblich.

Eine Effizienzsteigerung von nur einem Prozent würde ­jedes Jahr 1,8 Milliarden Dollar zusätzlich an Mitteln zur ­Verfügung stellen.

Thomas Heilmann

Um es in Zahlen auszudrücken: Eine Effizienz­steigerung von nur einem Prozent würde jedes Jahr 1,8 Milliarden Dollar zusätzlich an Mitteln zur Verfügung stellen.

Open-Source-Technologiestandard zur Wirksamkeitsmessung

In Berlin hat sich gerade die Humanitec Founda­tion gegründet, die einen Open-Source-Technologiestandard zur Wirksamkeitsmessung entwickelt. Grundlage bietet eine standardisierte und damit 100 Prozent kompatible Systemplattform, auf der Apps für unterschiedliche Hilfsprozesse über einheitliche Schnittstellen miteinander kommunizieren können. So entsteht eine Datenbank, die es jeder NGO ermöglicht, ihre Prozesse evidenz­basiert auszuwerten und Spendern volle Transparenz zu gewährleisten.