Nicht nur Löwen: Partnerschaft mit den afrikanischen Nationen

Von Jamie Drummond und Stephan Exo-Kreischer

Wer sich um den Zustand der Welt Sorgen macht, sollte begrüßen, dass Deutschland zu einem solch kritischen Zeitpunkt die Führung der G20 übernimmt. Dieser Beitrag wirft einen Blick auf den Schwerpunkt Afrika der deutschen G20-Präsidentschaft, skizziert wirksame Schritte zur Stärkung der Entwicklung insbesondere in fragilen Kontexten und schlägt Strategien und Ansätze vor, die man sich als Teil der neuen, von Deutschland angeregten Partnerschaften mit Afrika (»Compacts with Africa«) in deutlich größerem Umfang zunutze machen könnte. 

Solche Partnerschaften auf der Basis gegenseitiger Rechenschaftspflicht sollten inklusives Wachstum in den sogenannten »Löwenstaaten« fördern. Sie müssen aber auch die Ursachen für Fragilität berücksichtigen und die Länder stärken, die derzeit nur sehr schwache Kapazitäten haben oder unter politischer Instabilität leiden.

Die Zahl der jungen Menschen in Afrika wird stark zunehmen, und es gibt ein enges Zeitfenster, um die »demografische Dividende« zu nutzen, bei der die arbeitsfähige Bevölkerung im Vergleich zu der Zahl der abhängigen Personen (Kinder und ältere Menschen) wächst. Mit ehrgeizigen und effizienten Investitionen kann diese junge afrikanische Bevölkerung befähigt werden, ein starkes, inklusives Wachstum auf den Weg zu bringen. Bleiben solche Investitionen aus, könnten einige afrikanische Subregionen scheitern, was für ganz Afrika und seine Nachbarregionen schwerwiegende Konsequenzen hätte.

Anstatt sich dem Druck der Populisten zu beugen und den Blick nach innen zu richten, hat Deutschland seit 2015 einer großen Zahl bedürftiger Menschen Zuflucht gewährt. Die Partnerschaft der G20 mit Afrika und weitere für die internationale Zusammenarbeit wichtige Themen, wie Investi­tio­nen in die wirtschaftlichen Chancen von Frauen und die Bekämpfung von Pandemien, hat Deutschland ganz oben auf die Agenda der G20 gesetzt. Dies ist zu begrüßen. Derartige Partnerschaften dürfen jedoch nicht nur den afrikanischen Ländern mit guter Regierungsführung oder dem größten (wirtschaftlichen) Potenzial angeboten werden, sie dürfen sich auch nicht auf die Unterstützung der – obgleich wichtigen – Investitionen in den Privat­sektor beschränken. Wenn Deutschland die Ur­sa­chen von menschlichem Leid und Vertreibung bekämpfen will, dann sollten diese »Compacts with Africa« inklusiv gestaltet werden und insbeson­dere auch fragile Staaten innerhalb Afrikas einschließen; sie müssen umfangreiche Unterstützung beinhalten und sich gleichzeitig stärker gegen Korruption und organisiertes Verbrechen einsetzen.

Eine historische Gelegenheit und Gefahr

Zwei Milliarden Menschen sind derzeit von Fragilität, Konflikten und Gewalt betroffen. 43 Prozent der extrem armen Menschen leben in fragilen Staaten. Diese Zahl wird bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf 62 Prozent ansteigen. Seit 1991 haben dieselben zehn Konflikte 95 Prozent der Flücht­linge und Binnenvertriebenen verursacht. Neun der zehn Länder, aus denen weltweit die meisten Flüchtlinge stammen, gelten als fragil. Die meisten fragilen Staaten liegen in Afrika, in Regionen wie der Sahelzone und dem Horn von Afrika, wo die »drei Extreme«, das heißt extreme Armut, extremes Klima und extreme Ideologien, Fortschritt immer wieder untergraben. In den letzten sechs Jahren ist die Zahl der terroristischen Vorfälle in Afrika um über 200 Prozent gestiegen und die Zahl der Todesopfer um mehr als 750 Prozent. Diese Trends werden sich fortsetzen: Ein Großteil des prognostizierten Bevölkerungswachstums in Afrika findet derzeit in Ländern mit schlechter Regierungsführung statt, die von Extremisten aktiv ins Visier genommen werden.

Die demografischen Daten sind alarmierend. Wenn sich die Entwicklung dieser Länder nicht signifikant verbessert – es müssen deutlich mehr Kinder eine ordentliche Bildung und ausreichend Mikronährstoffe erhalten, Mütter Zugang zur Neuge­borenen-Gesundheitsversorgung erhalten, junge Mädchen gestärkt und Teenagerschwangerschaften vermieden werden und junge Menschen Zugang zu Jobs, Finanzen und Netzwerken erhalten –, wird eine abgehängte Generation ihrer Wut zunehmend gewaltsam Luft machen. Bei einer Chatham-House-Veranstaltung sagte ein hochrangiger afrikanischer Diplomat kürzlich: »Es gibt eine Generation junger Menschen, die so frustriert sind, dass sie sich immer häufiger Dschihadisten anschließen oder in ein Boot nach Europa steigen wollen.«

Wie afrikanische und europäische Partner nun diese dynamische Generation mit positiven Ventilen für ihre Kreativität versorgen können, ist nicht nur eine Entwicklungs-, sondern auch eine der bedeutendsten Sicherheitsfragen unserer Zeit.

Die globale politische Antwort auf diese Chance beziehungsweise Bedrohung in und durch die Situation in fragilen Staaten ist bisher nicht angemessen ausgefallen. Einige Beispiele:

Nur sechs Prozent der ausländischen Direkt­investitionen in Entwicklungsländer fließen in fragile Staaten; 72 Prozent davon konzentrieren sich auf zehn ressourcenreiche Länder.

Diese Regionen erhalten unverhältnismäßig wenig Entwicklungshilfe pro Kopf und gelten somit als »vernachlässigte Staaten«. Im Jahr 2014 erhielten die fragilen afrikanischen Staaten 28,25 Milliarden US-Dollar von den Geberstaaten des OECD-Komitees für Entwicklungshilfe (DAC), dies entsprach 21 Prozent der weltweiten öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA).

Die humanitäre Hilfe für diese Länder ist un­zureichend. Zwischen 2000 und 2016 hat sich der Gesamtbedarf an humanitärer Hilfe verzehnfacht, wobei 97 Prozent dieses Bedarfs auf fragile Staaten entfällt. Dennoch beträgt die humanitäre Hilfe in der Regel nur circa 54 Prozent des ausgewiesenen Bedarfs. So wurden zum Beispiel nur 19 Prozent der für 2016 erforderlichen Mittel für den humanitären Hilfeplan der UN für Tschad zur Verfügung gestellt, und für die Krise im Nordosten Nigerias wurden im selben Jahr lediglich 52 Prozent der benötigten finanziellen Hilfe aufgebracht. Zehn von elf dieser »vernachlässigten Staaten« standen im Zeitraum der Millenniumsentwicklungsziele auf der Liste der fragilen Staaten.

Nur sechs EU-Staaten haben das Ziel von 0,7 Prozent des BNE für ODA im Jahr 2015 erreicht. Nur fünf geben die versprochenen 0,2 Prozent ihres BNE für ODA an die am wenigsten ent­wickelten Länder.

Auch die Qualität der ODA ist problematisch; Mittel zur Bekämpfung der Armut in den Entwicklungsländern werden von vielen Gebern kurzsichtig zur Finanzierung der Flüchtlingskosten im eigenen Land verwendet. Darüber hinaus ist Entwicklungsfinanzierung häufig zu wenig planbar, nicht langfristig genug und exzessiv risikoscheu, sodass Hilfsorganisationen ihre Aktionen nicht effizient organisieren können und nicht nah genug an die Gebiete herankommen, in denen der größte Bedarf besteht.

Das internationale Finanzsystem ist nicht transparent genug, um organisiertes Verbrechen zu bekämpfen und die Finanzierung von Extremisten und die gesetzwidrige Kapitalflucht zu unterbinden und gestohlenes Vermögen zurückzuführen.

Die Partnerschaft der G20 mit Afrika und weitere für die internationale Zusammenarbeit wichtige Themen, wie Inves­­titionen in die wirtschaftlichen Chancen von Frauen und die Bekämpfung von Pandemien, hat Deutschland ganz oben auf die Agenda der G20 gesetzt.

Stephan Exo-Kreischer und Jammie Drummond

Zahlreiche Länder der Welt brauchen dringend eine neue Form der Partnerschaft. Eine besonders vernachlässigte Region ist das Tschadseebecken. Die Region leidet sowohl unter einer kurzfristigen humanitären Krise als auch an unzureichender Infrastruktur und fehlenden Arbeitsplätzen. Eine ganze Generation junger Menschen hat keine Ausbildung und verbindet mit dem Staat keine positiven Erfahrungen. Sie sind leichte Beute für extremistische Gruppen oder potenzielle Opfer von Massenvertreibungen, wenn sich Konflikte ausdehnen. Dazu wird es kommen, wenn in Regionen wie Nordost-Nigeria nicht der von Aliko Dangote (nigerianischer Unternehmer und Philanthrop) beschriebene »von Afrika geführte Marshallplan für Jobs« umgesetzt wird. Allein der Bedarf für die Region Borno (Nigeria) wird auf vier Milliarden US-Dollar geschätzt.

Deutschland, die G20, die G7 und die EU

Die Afrikanische Union (AU) hat für 2017 das Motto »In die Jugend investieren – die demografische Dividende nutzen« ausgegeben. Sie hat einen Fahrplan zur Nutzung des demografischen Wandels vorgelegt, im Rahmen dessen die Entwicklungspartner aufgefordert werden, ihre Investitionen in die Gesundheitsversorgung, Ernährung, Bildung, gute Regierungsführung und Infrastruktur sig­nifikant aufzustocken und den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten zu verbessern. 

Die AU fordert ebenfalls alle ihre Mitgliedstaaten auf, die Qualität und Quantität der eigenen Investitionen in diese Politikfelder zu erhöhen. Deutschland, die G20, die G7 und die EU müssen jetzt in Partnerschaft mit den afrikanischen Staaten bei der Umsetzung dieser Prioritäten mit Augenmaß und Gespür für die Dringlichkeit zusammenarbeiten.

Fortschritt ist selbst in den schwierigsten Kon­texten möglich und kann durch sinnvolle Unterstützung beschleunigt werden. Es folgen einige Beispiele für effektive Ansätze.

Bildung als Vorsorge gegen Radikalisierung

Investitionen in Bildung können eine Vorsorgemaßnahme gegen Radikalisierung sein und das Risiko von Konflikten und Terrorismus senken. In Mali setzten erfolgreiche Konfliktlösungs­­initiativen auf Bildungsprogramme, die kritisches Denken fördern, und führten zu einer signifikanten Verbesserung bei den Einstellungen zu Frauenrechten, der Wahrnehmung bewaffneter Gruppen und dem zwischengemeinschaftlichen Vertrauen.

Es ist eindeutig belegt, dass quantitativ und qualitativ höhere Privatsektorinvestitionen wirtschaftliche Chancen, Stabilität und Entwicklung fördern.

Stephan Exo-Kreischer und Jammie Drummond

Besonderes Augenmerk muss auf die Bildung von Mädchen gerichtet werden – nicht nur, weil sie noch immer benachteiligt werden, sondern auch, weil Bildung für Mädchen und Frauen der Schlüssel für sie zu einem besseren Leben ist und weil so die Lebenschancen ihrer Kinder erhöht werden. Bessere Chancen für Mädchen und Frauen werden zur notwendigen sozialen und gesellschaftlichen Veränderung beitragen, um Widerstandsfähigkeit (Resilienz) zu schaffen. Die Er­fahrung zeigt die wichtige Rolle von Frauen bei der Verbreitung von Botschaften gegen Radikalisierung und auch, dass die Erfolgschancen von Friedensabkommen deutlich steigen, wenn Frauen in die Verhandlungen einbezogen werden.

Fortschritt ist möglich: Niger gehört zu den fragils­ten und ärmsten Ländern mit einer der höchsten Geburtenraten der Welt. Dennoch ist die Bruttoeinschulungsrate zwischen 2002 und 2012 von 42 Prozent auf 79,2 Prozent erhöht worden. Hauptsächlich durch öffentliche Bildung und dadurch, dass die Regierung bis zu 30 Prozent des Haushalts in Bildung investiert hat. Solche inländischen Bemühungen müssen stärker von außen unterstützt werden, insbesondere da Niger die Einschulungsraten zwischen 2014 und 2024 noch einmal fast verdoppeln müssen wird.20  

Weitere Mechanismen, um Investitionen in den Bildungssektor anzukurbeln, sind beispielsweise der Fonds »Education Cannot Wait«, der darauf abzielt, die Einschulungsrate und die Bildungsergebnisse für Flüchtlinge und junge Vertriebene zu verbessern, oder die Global Partnership for Education, welche hilft, Investitionen zu steigern und politische Verbesserungen in Entwicklungsländern zu katalysieren. Beide Mechanismen sind unterfinanziert und brauchen Partner.

Beschäftigung und Programme für soziale Sicherheit

Ausgebildete Jugendliche benötigen Jobs. Ein von der Europäischen Investitionsbank, der Weltbank und EU-Gebern gefördertes Programm, das in Äthiopien 100.000 Jobs für Flüchtlinge und die lokale Bevölkerung schaffen wird, muss Nachahmer in anderen Ländern finden. 

Investitionen in die Landwirtschaft haben zahl­reiche Vorteile: Dieser Sektor ist in Subsahara-­Afrika bei der Armutsreduktion elfmal effizienter als jeder andere, Investitionen erhöhen die Nahrungsmittelsicherheit, verlangsamen den Ver­städterungsprozess und senken die Risiken des Klimawandels. In Ruanda haben USAID-Programme zur Verbesserung der Wertschöpfungskette der Kaffeeproduktion etwa 5.000 Arbeitsplätze geschaffen und das Durchschnittseinkommen der Teilnehmer ist zwischen 2000 und 2010 um 82 Prozent schneller gestiegen als das der Vergleichsgruppe. 

Langzeitdaten, erhoben im Rahmen des äthiopischen Productive Safety Net Program (Produktives Sicherheitsnetzprogramm, PSNP), zeigen die positiven Auswirkungen sozialer Sicherheitsnetze auf diejenigen, die Klimaschocks und Dürren am hilflosesten ausgeliefert sind. Diese Investitionen, die häufig als Gegenleistung Arbeit an öffentlicher Infrastruktur (lokale Straßen, Programme zum Boden- und Gewässerschutz) vorsahen, haben die Resilienz von Millionen von Menschen am Horn von Afrika gestärkt.

Es gibt zunehmend Belege dafür, dass eine Aus­zahlung von Sozialleistungen über Mobiltelefone die Resilienz marginalisierter Menschen deutlich stärken kann. Direkte Bargeld-Transfer-Programme in Uganda, Kenia und Simbabwe führten zu signifikant höheren Ersparnissen und Einkünften der privaten Haushalte, verbesserten die Einschulungsrate der Kinder, sorgten dafür, dass mehr Kinder die vorgesehenen Impfungen erhielten, und ver­besserten ihre Ernährung.

Engagement des Privatsektors

Es ist eindeutig belegt, dass quantitativ und qualitativ höhere Privatsektorinvestitionen wirtschaftliche Chancen, Stabilität und Entwicklung fördern. Aber noch ist die Frage offen, wie Anreize für Investitionen in ärmere und fragilere Gebiete geschaffen werden können. Die neuen Instrumente der Internationalen Entwicklungsorganisation der Weltbank (ida) für fragile Staaten sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Viele Aspekte könnten von den Partnern weiter ausgebaut werden, andere erfordern eine gemeinsame Steuerung: 

eine Risikominderungs-Fazilität, die Investitionen in Infrastruktur und öffentlich-private Partnerschaften (ppp) erschließen könnte;

eine Fazilität für lokale Währungsabsicherung, um besser mit lokalen Währungsrisiken um­zugehen;

eine Garantiefazilität für KMU (kleine und mittlere Unternehmen), die den Zugang der KMU zu Finanzierungen weiter verbessert und den lokalen Banksektor stärkt;

eine Koinvestitionsfazilität, die Investitionen in KMU-Stammkapital, Agrarunternehmen, Technologie und soziale Dienste ermöglicht;

eine Erstverlust-Fazilität, die den Zugang zu Versicherungsgarantien gegen politische Risiken in den riskantesten Gebieten erweitert;

eine Rückversicherungsvereinbarung, die eine erweiterte Nutzung von Garantien dort ermöglicht, wo private Optionen derzeit nur eingeschränkt bestehen; und

eine Erprobung von neuen Konzepten wie den Development Impact Bonds für fragile Staaten.

Verantwortungsvolle Privatsektorinvestitionen werden auch dadurch gefördert, dass Regierungen das Vertragsrecht, die Schlichtung und die Durchsetzung von Transparenz und guter Regierungsführung gewährleisten. Initiativen wie die Transparenzinitiative im Bausek­tor und offene Auftragsvergabe sowie Transparenz im Rohstoffsektor fördern solche bewährten Praktiken.

Gesundheit und effiziente öffentliche Versorgung

Die G20 sollte sowohl kurz- als auch langfristig die Erfüllung der Grundbedürfnisse anstreben, um Stabilität zu fördern. Studien belegen, dass die Wahrscheinlichkeit ziviler Konflikte signifikant sinkt, wenn die Regierung mehr in Sozialfürsorge investiert. Programme für Wasser, sanitäre Anlagen und Hygiene in der Demokratischen Republik Kongo und im Südsudan haben zum Beispiel dazu beigetragen, Faktoren wie Inklusion und gemeinschaftliches Handeln zwischen verschiedenen Gruppen zu fördern. Dies zeigt, dass gleiche Versorgung für alle soziale Ausgrenzung und horizontale Ungleichheiten mildern kann, die anderenfalls zu Konflikten führen würden. 

Eine verpflichtende, nach Ländern aufgeschlüsselte Rechnungslegung multinationaler Unternehmen kann Steuerbehörden in Entwicklungsländern dabei unterstützen, ihre Steuereinnahmen und somit die Mittel zu erhöhen, um öffentliche Dienstleistungen zu verbessern.

Stephan Exo-Kreischer und Jammie Drummond

Die Impfallianz GAVI und der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria sowie viele Weltbank- und bilaterale Gesundheitsprogramme haben sich als wirksame Mittel er­wie­sen, um die medizinische Grundversorgung in fragilen Ländern zu verbessern und zum Beispiel Immunisierungsraten zu erhöhen. Allerdings müssen Gesundheitssysteme und Gesundheitsfach­kräfte weiterhin effektiver und am­bitionierter gestärkt und unterstützt werden. 

Die Unterstützung für den Gesundheitssektor bleibt jedoch unzureichend, weshalb Länder wie Nigeria den Kampf gegen HIV bisher nicht gewonnen haben.

Ruanda nutzt Informations- und Kommunikationstechnologien zur innovativeren und besseren Gesundheitsversorgung, und Nichtregierungs­organisationen wie Last Mile Health und VillageReach haben ebenfalls Modelle zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf lokaler Ebene entwickelt. Ihre Methoden müssen weiter ver­breitet werden.

Öffentliche Versorgung und die Bekämpfung von gewalttätigem Extremismus

Verschiedene USAID-Studien zeigen, dass selbst durch kleine Verbesserungen der lokalen Versorgung und der Interaktion zwischen Bürger und Staat die Unterstützung für Extremismus reduziert werden kann. Mehr Ressourcen für Medressen und die Gründung von Buchclubs, um Lehrern mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, lokale Radiostationen, Fußballvereine und Umlauffondssysteme auf Gemeindeebene für lokale, von der Gemeinde vorangetriebene Entwicklungsprojekte zeigen den Bürgern, dass der Staat auf ihre Bedürfnisse eingeht. Die Situation im Nordosten Nigerias geriet auch deswegen außer Kontrolle, weil eine ganze Politikergeneration darin versagt hat, den Bürgern eine grundlegende öffentliche Versorgung zu bieten.

Gute Regierungsführung, Bekämpfung von Korruption und Kriminalität

Ein weiteres grundlegendes Element für die erwähnten Partnerschaften ist die Stärkung der politischen Steuerung auf beiden Seiten. Afrikanische Regierungen müssen sicherstellen, dass die »Charta für Demokratie, Wahlen und Regierungsführung« der AU umgesetzt wird. Die Geber müssen diese Bemühungen glaubhaft unterstützen. Nur 1,4 Prozent der Ausgaben für öffentliche Entwicklungshilfe aus dem Jahr 2012 entfielen auf Reformen der Sicherheitssysteme in fragilen Staaten, und im Jahr 2015 wurden nur drei Prozent der öffentlichen Entwicklungshilfe für die Justiz aufgewendet.

Die Geber werden Unterstützung für technische Hilfe zur Verfügung stellen und Personal einsetzen müssen, wie zum Beispiel durch die OECD/UNDP-Initiative »Steuerprüfer ohne Grenzen«, um die lokalen Kapazitäten zur Steuererhebung zu verbessern. Ähnliche Programme könnten im Bereich der Justiz ins Leben gerufen werden, und innovative Werkzeuge wie der Europäische Fonds für Demokratie könnten erweitert und auf afrikanische Staaten ausgeweitet werden.

Viele der Ursachen für Korruption finden sich jedoch auf globaler Ebene. Die Intransparenz des globalen Finanzsystems, insbesondere in Bereichen wie der Rohstoffförderung und den Offshore-­Finanzplätzen, ermöglicht Korruption und ille­galen Kapitalabfluss. Strafverfolgungsbehörden, die Medien oder die Zivilgesellschaft müssen beispielsweise Informationen darüber erhalten, wer Unternehmen tatsächlich besitzt. Deshalb sind öffentliche Register der wirtschaftlich Begünstigten von Unternehmen essenziell, um Korruption und Geldwäsche effektiv zu bekämpfen. Aber auch die nationale Gesetzgebung in OECD-Staaten kann die Mobilisierung inländischer Ressourcen in Entwicklungsländern fördern. Eine verpflichtende, nach Ländern aufgeschlüsselte Rechnungslegung multinationaler Unternehmen kann zum Beispiel Steuerbehörden in Entwicklungsländern dabei unterstützen, ihre Steuereinnahmen und somit die Mittel zu erhöhen, um öffentliche Dienstleistungen zu verbessern. Es sind auch Investitionen in Institutionen auf lokaler Ebene erforderlich, damit Entwicklungsländer die notwendigen infomediaries (Informationsvermittler) und die Kapazitäten zur Verfügung haben, um Steuern einzutreiben.

Sicherstellen, dass die Partnerschaften mit Afrika ihr Potenzial erfüllen

Nachdem das Ausmaß der Chancen, die Herausforderungen und einige Erfolg versprechende 

Investitionen, die ausgeweitet werden sollten, skizziert wurden, bleibt die Frage, wie diese Investitionen ausgeweitet werden könnten. 

Wir schlagen vor, dass die von der G20 geplanten Partnerschaften mit Afrika die folgenden Charakteristika aufweisen:

1. Multi-stakeholder-Partnerschaften mit gegen­seitiger Rechenschaft durch Offenlegung von Daten

Bei jeder Partnerschaft sollte zunächst eine multi-­stakeholder-Bewertung von Wachstum, Fragilität und Bedürfnissen durchgeführt werden. Der Akteurskreis muss über Regierungen, die multi­lateralen Entwicklungsbanken und den Privatsektor hinausgehen, um eine insgesamt bessere Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Daher müssen NROs, Glaubensgemeinschaften, der humanitäre und der Sicherheitssektor Teil der Partnerschaft sein. Süd-Süd-Partnerschaften werden ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein. Indien hat umfangreiche Erfahrungen zum Beispiel auf Gebieten wie dem mobile banking gesammelt, und Brasilien bietet Erfahrung im Bereich bedingter Geldtransfers. Wichtig ist, dass sich alle Unterzeichner eines solchen Partnerschaftsvertrags zu gegenseitiger Kontrolle und offenen Datensätzen bereit erklären. Dadurch wird es möglich, den Weg des Geldes und die Umsetzung der politischen Ziele vor Ort nachzuvollziehen.

2. Partnerschaftskategorien für Staaten – die Ein­stufung nach dem Grad der Fragilität, der Wider­stands­fähigkeit und dem Wachstumspotenzial

Es sollte fünf Partnerschaftskategorien geben: geringe Kapazität (wie Niger), ressourcenreich (wie Nigeria), Konflikt (Zentralafrikanische Republik, Somalia, Libyen), Post-Konflikt (Mali) und Motoren des Wachstums (Ghana, Elfenbeinküste). Die Partnerschaften auf Länderebene sollten durch subregionale Partnerschaften ergänzt werden, zum Beispiel mit den Ländern des Tschadseebeckens oder den G5-Sahelstaaten, um spezielle grenzüberschreitende Bedrohungen bekämpfen und nicht fragile Länder in der Nähe von Krisenregionen stabilisieren zu können. Es sollte auch eine Partnerschaft mit der AU geben, um ihre Bemühungen (und die der regionalen Unterinstitutionen) zur Stärkung der panafrikanischen Regierungsführung und Sicherheitsarchitektur zu unterstützen.

3. Ehrgeizig im Ausmaß

Eine innovative Partnerschaft zwischen afrikanischen und den G20-Staaten, dem Privatsektor und anderen Akteuren kann die schwächsten Länder der Welt stärken und Wachstum in wirtschaftlich bereits bessergestellten Ländern fördern. Doch inklusives Wachstum braucht ehrgeizige Investitionen und politischen Willen. Staaten wie Deutschland müssen das häufig versprochene Ziel von 0,7 Prozent des BNE für die ODA erreichen, indem beispielsweise die zukünftige EU-Finanztrans­aktionssteuer genutzt wird. Deutschland hat bereits einen ersten wichtigen Schritt unternommen. All die bedeutsamen Themen, die auf der G20-Agenda für 2017 stehen – digitale Arbeit, Geschlechtergleichheit, globale Gesundheit und Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum –, weisen darauf hin, dass Deutschland eine überzeugende Vision einer gerechteren Form der Globalisierung hat. Sie alle müssen in den Partnerschaften mit Afrika eine Rolle spielen. Vor uns liegt eine historische Chance, aber auch ein historisches Risiko. Wir haben keine Zeit zu verlieren.