Nahrung, Gesundheit, Jobs – die drei Säulen für Stabilität und Entwicklung

Von Franziska Woellert

Nur wenn sich die Lebensbedingungen und Ein­kommensmöglichkeiten gerade im länd­lichen Raum nachhaltig verbessern und damit direkt Einfluss auf das Bevölkerungswachstum nehmen, hat Subsahara-­Afrika die Chance auf einen Aufstieg. 

Einer der oft übersehenen Gründe für die stag­nierende Entwicklung in Subsahara-Afrika sind die stark steigenden Bevölkerungszahlen. Während das Bevölkerungswachstum in weiten Teilen der Welt langsam, aber sicher zum Erliegen kommt, erreicht es in Afrika nach wie vor einen Wert von 2,5 Prozent im Jahr. Das entspricht dem globalen Niveau aus den 60er- und 70er-Jahren, als die Angst vor einer Bevölkerungsexplosion  um sich griff. 

Die wachsende Bevölkerung stellt die Länder südlich der Sahara vor die grundsätzliche Frage, wie sie all ihre Einwohner ernähren können. Dabei hat Afrika eigentlich gute Voraussetzungen, um sich selbst zu versorgen. Auf dem Kontinent lebt zwar nur rund ein Siebtel der Weltbevölkerung, aber er verfügt über circa ein Viertel der landwirtschaft­lichen Nutzfläche weltweit. Zwei Drittel aller Menschen in Subsahara-Afrika leben auf dem Land, und knapp die Hälfte der Bevölkerung ist überwiegend in der Landwirtschaft tätig. Dennoch trug der Agrarsektor in den Jahren 2010 bis 2014 im Durchschnitt nur 14,5 Prozent zum gesamten Bruttoinlandsprodukt der Region bei – und damit deutlich weniger als noch in den 70er-Jahren. Insgesamt wachsen nur neun Prozent der weltweit angebauten Agrarprodukte in Afrika.

Die Defizite im landwirtschaft­lichen Sektor sind immens. So werden nur weniger als vier Prozent der Anbauflächen künstlich bewässert. In den allermeisten Fällen handelt es sich dabei um Flächen von den wenigen größeren Betrieben. Düngemittel und verbessertes Saatgut kommen kaum zum Einsatz: Während in Südasien ein Bauer rund 100 Kilogramm Dünger auf einem Hektar Land einsetzt, düngt etwa ein ghanaischer Bauer im Schnitt gerade einmal 7,4 Kilogramm auf der gleichen Fläche. Zudem ist das Saatgut oft von minderer Qualität und führt zu schlechteren Ernten, als Boden- und Klimabedingungen zulassen würden. Selbst größere Betriebe nutzen kaum die leistungsstarken, wenn auch nicht vermehrungsfähigen Hybridsorten. Die Folge dieser Praxis sind geringe Erträge. So ernten afrikanische Bauern im Schnitt nur ein Fünftel des Mais, den sie mit angepassten modernen Anbaumethoden potenziell ernten könnten.

Hunger in der Kornkammer

Während sich in Südostasien seit den 60er-Jahren das Produktionsniveau der Landwirtschaft durch die Grüne Revolution versechsfacht hat, ist diese Entwicklung an Subsahara-Afrika vorbeigegangen. Eine der Hauptursachen ist die mangelnde Unterstützung durch die afrikanischen Regierungen. Landwirtschaft galt und gilt unter den politischen Führungskräften des Kontinents als rückwärts­gewandt und wird bis heute kaum in den nationalen Entwicklungsplänen berücksichtigt. 

Ein Blick auf Indien sollte die Staaten vom Gegenteil überzeugen: Dort erhielt die landwirtschaft­liche Entwicklung schon direkt nach der Unabhängigkeit 1947 höchste Priorität. Das südasiatische Land investierte fast ein Drittel seines Haushaltbudgets in den Agrarsektor, insbesondere in Forschung, Beratungsangebote, den Ausbau von Bewässerungssystemen, Düngemittelherstellung sowie den Bau von Kraftwerken und Straßen. Um eine bessere Marktanbindung der traditionell familienbetriebenen Landwirtschaft zu erreichen, bezog die Regierung von Anfang an auch den privaten Sektor mit ein und erreichte so, dass die Kleinbauern zu garantierten Abnahmepreisen produzieren konnten. Als Folge verdoppelte sich die Agrarproduktion – und der Anteil von Menschen in extremer Armut sank spürbar.

Von den 20 Volkswirtschaften, die zwischen 2011 und 2015 weltweit am schnellsten gewachsen sind, liegen zehn in Afrika südlich der Sahara.

Franziska Woellert

In Afrika südlich der Sahara kann dagegen kaum ein Land genügend Lebensmittel produzieren, um die eigene Bevölkerung zu versorgen. Dabei verschärfen nicht nur das Bevölkerungswachstum und die mangelnde Produktivität im Agrarsektor die Lage, sondern auch die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten. Die wachsende Mittelschicht und die rasche Urbanisierung führen dazu, dass ein großer Teil der Haushaltseinkommen in Lebens- und Genussmittel fließt, die vorher nicht verfügbar oder erschwinglich waren. Damit wächst der Konsum von Milchprodukten und Fleisch, aber auch von als höherwertig angesehenen Grundnahrungsmitteln wie Reis. So ist etwa in Nigeria der Reisverbrauch seit 1990 von 18 auf 34 Kilogramm pro Kopf und Jahr gestiegen. Die lokale Landwirtschaft kann der wachsenden Nachfrage nicht folgen. Die meisten Länder haben sich daher in wenigen Jahren von Lebensmittel-Nettoexporteuren zu Importeuren gewandelt. Während die Handelsbilanz für Agrarprodukte des gesamten Kontinents noch 2001 mit minus 0,8 Milliarden US-Dollar nahezu ausgeglichen war, lag das Defizit 2011 bereits bei 36,6 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr als das jährliche Bruttoinlandsprodukt von Tansania oder Äthiopien. 2012 gaben die Länder südlich der Sahara insgesamt knapp 38 Milliarden US-Dollar allein für den Import von Lebensmitteln aus. Diese Nahrungsmittel kaufen die Länder dabei fast ausschließlich teuer auf anderen Kontinenten ein. So wurden nur fünf Prozent der gesamten Getreideimporte über den inner­afrikanischen Markt gehandelt. Die praktischen und institutionellen Barrieren an den Grenzen innerhalb Afrikas sind noch immer zu hoch, und die Infrastruktur ist mangelhaft – trotz der sich entwickelnden regionalen Handelspartnerschaften, allen voran die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC), der Gemeinsame Markt für das Östliche und Südliche Afrika (Comesa) und die Wirt­schafts­gemeinschaft Westafrikanischer Staaten (Ecowas).

Wachsende Bevölkerung und wachsende Mittelschicht

Den Importen zum Trotz sind Hunger und Man­gelernährung in Afrika weit verbreitet. Rund um die Welt leiden heute noch 795 Millionen Menschen an Hunger. Die meisten davon leben in Südasien sowie in Afrika südlich der Sahara. Doch während sich die Situation in Südasien seit 1990 leicht verbessert hat, ist in Subsahara-Afrika die Zahl der Hungernden von 176 auf 220 Millionen gestiegen. Auch die Armutsquoten sinken nur langsam. 2011 lebten noch immer im Schnitt mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Armut, fast die Hälfte sogar in extremer Armut. In den ländlichen Räumen Afrikas liegen die Armutsquoten größtenteils weit über diesen Durchschnittswerten. 

Seit 1960 hat sich die Weltbevölkerung von drei Milliarden Menschen auf über 7,3 Milliarden mehr als verdoppelt. Doch im selben Zeitraum haben die Länder Subsahara-Afrikas eine Vervier­fachung ihrer Bevölkerung auf fast eine Milliarde Menschen erlebt. Nach der mittleren Variante der UN-Bevölkerungsvorausberechnungen, die zumindest einen leichten Rückgang der Fertilitäts­raten unterstellt, werden es 2030 schon fast 1,5 Milliarden Menschen sein, 2050 dann zwei Milliarden – und bis zu vier Milliarden im Jahr 2100. Es ist unklar, ob dies praktisch möglich ist. Aber sollte es dazu kommen, müssten sich Ende des Jahrhunderts in den Ländern Subsahara-Afrikas rein statistisch 180 Menschen einen Quadratkilometer teilen. Die Region würde dann zu den am dichtesten besiedelten der Welt zählen. Auf dem geografisch und klimatisch deutlich vorteilhafteren Gebiet der Europäischen Union leben heute 117 Menschen pro Quadratkilometer. Es stellt sich die Frage, wovon all diese Menschen in Afrika leben sollen. Schon heute mangelt es dort an Nahrungsmitteln, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Straßen, Sanitäranlagen, Stromleitungen sowie vor allem Arbeitsplätzen.

Von den 20 Volkswirtschaften, die zwischen 2011 und 2015 weltweit am schnellsten gewachsen sind, liegen zehn in Afrika südlich der Sahara. Dieser Aufschwung basiert nicht mehr nur auf dem Export von Rohstoffen, der viele afrikanische Volkswirtschaften seit Langem dominiert, sondern zunehmend auch auf einem wachsenden Fertigungsindustriesektor sowie modernen Dienstleistungen. In etlichen afrikanischen Staaten sinken die Hürden für Unternehmensgründungen, während die zuständigen Behörden Fortschritte beim Verbessern des Investitionsklimas und beim Bekämpfen der Korruption machen. Zu den Profi­teuren der wirtschaftlichen Entwicklung gehört neben einer kleinen Oberschicht längst auch eine wachsende Mittelschicht. Während die Afrika­nische Entwicklungsbank 1980 lediglich 126 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent zu dieser Klasse von Konsumenten zählte, waren es 2011 schon fast 350 Millionen Menschen – und damit rund jeder dritte Afrikaner.

Technologiesprünge sorgen für Entwicklung

Leapfrogging, das Überspringen von technologischen Entwicklungsstufen, spielt dabei eine große Rolle. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Mobilfunkmarkt: Statt zunächst weiter teure und aufwendige Telefonfestnetze zu errichten, haben viele afrikanische Länder direkt auf mobile Kommuni­kation gesetzt und konnten so von deren Vorteilen profitieren. Damit ließen sich weite Teile des Kontinents in kürzester Zeit kostengünstig vernetzen. Heute können die Menschen vielerorts nicht nur über Mobilfunk telefonieren oder das Internet nutzen, sondern auch Geld transferieren, was gleichzeitig den Aufbau von Bankfilialen überflüssig macht. Ähnliche Technologiesprünge, etwa im Sektor für (regenerative) Energiequellen, könnten für weitere Entwicklungsschübe sorgen. Vorbilder dafür finden sich in Brasilien, Indonesien, Bangladesch oder Vietnam.

Viel zu lange haben afrikanische Regierungen, aber auch die internationale Entwicklungszu­sammenarbeit den Einfluss der Bevölkerungsdynamik ignoriert. Dabei könnte Afrika von seiner jungen Bevölkerung durchaus profitieren.

Franziska Woellert

Ist Afrika damit auf dem Entwicklungsweg an­gekommen, den die Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas vorgezeichnet haben? Schreibt der Kontinent die nächste große Wirtschaftsgeschichte, die optimistische Investoren und Politiker schon seit einer Weile voraussehen? Gibt es also Hoffnung für ein »Africa rising«, dem das britischen Magazin »The Economist« bereits Ende 2011 eine Titelgeschichte gewidmet hat?

Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Ant- worten. Denn neben den positiven Nachrichten prägen noch immer die alten Probleme Afrika. So herrschen in einem guten Dutzend der afrikanischen Länder Bürgerkrieg und Terror. Der durchschnittliche Bildungsstand der Bevölkerung reicht nicht zur Teilnahme am Wettbewerb in einer globalisierten Welt – nahezu ein Drittel aller Kinder beendet nicht einmal die Grundschule. Das viel gelobte Wirtschaftswachstum findet nur auf sehr niedrigem Niveau statt. Im Human Development Index, dem Wohlstandsindikator der Vereinten Nationen, finden sich in der untersten der vier Kategorien mit der Bezeichnung »niedrige menschliche Entwicklung« 35 Staaten aus Subsahara- Afrika. Nur acht Länder dieser Kategorie liegen in anderen Weltregionen. Umgekehrt schaffen es nur zehn Staaten Subsahara-Afrikas in die Kate­gorie einer mittleren Entwicklung (darunter Länder wie Südafrika, Botswana und Namibia, aber auch Ghana und die Republik Kongo), und gerade einmal zwei (die Inselstaaten Seychellen und Mauritius) weisen einen hohen Entwicklungsstand auf. Afrika südlich der Sahara ist eine der wenigen Weltregionen, welche die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) weitgehend verfehlt hat.

Bevölkerungswachstum bremst wirtschaftliche Entwicklung

Viel zu lange haben afrikanische Regierungen, aber auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit den Einfluss der Bevölkerungsdynamik ignoriert. Dabei könnte Afrika von seiner jungen Bevölkerung durchaus profitieren. Eine entscheidende Voraussetzung dafür wäre, dass die durchschnittlichen Kinderzahlen je Frau deutlich sinken. Unter diesen Bedingungen würden für einige Jahrzehnte weniger Kinder geboren, als Menschen in das erwerbsfähige Alter aufsteigen. Die arbeitsfähige Bevölkerung wächst dann schneller als die Zahl der wirtschaftlich abhängigen Menschen. Dieses als »demografischer Bonus« bekannte Verhältnis lässt sich in eine »demografische Dividende« verwandeln, also einen positiven Faktor für die jeweilige Volkswirtschaft, wenn es gelingt, die arbeitsfähige Bevölkerung auch tatsächlich in Lohn und Brot zu bringen. Viele der erfolgreichen Schwellenländer in Asien oder Lateinamerika haben vorgemacht, wie der demografische Bonus genutzt werden kann. In den meisten dieser Länder hat sich die Zahl der Kinder unter 15 Jahren im Vergleich zu den Personen im Erwerbsalter seit den 80er-Jahren halbiert. Gleichzeitig haben die Staaten genügend Arbeitsplätze geschaffen und die Bildungsmöglichkeiten der Bevölkerung verbessert. So ist das hohe Wirtschaftswachstum in Ost- und Südostasien zu rund einem Drittel auf die optimale Nutzung des demografischen Bonus zurückzuführen. 

Wenn die Geburtenraten jedoch nicht sinken oder wenn die vielen jungen Menschen keine angemessene Beschäftigung finden, kann der Jugendüberhang umgekehrt auch schnell zu einem Problem werden. Bei jungen Menschen (insbesondere jungen Männern), die keine Rolle in der Gesellschaft finden, entlädt sich die Frustration dann häufig in Protesten und gewaltsamen Aufständen. Einige Studien schätzen, dass ein Anteil von mehr als 25 Prozent 15- bis 24-Jähriger an der Gesamtbevölkerung über 15 Jahre besonders konfliktträchtig ist. Andere Studien sehen eher einen linearen Verlauf zwischen dem Bevölkerungsanteil von Jugendlichen und der Konfliktgefahr: Wächst der Anteil der Jugendlichen um einen Prozentpunkt, steigt demnach das Potenzial für gewaltsame Auseinandersetzungen gleich um vier Prozentpunkte. In allen Ländern südlich der Sahara (außer den Inselstaaten) sind deutlich mehr als 25 Prozent der Bevölkerung in diesem kritischen Alter, in rund jedem zweiten Land sogar mehr als 35 Prozent. Hier ist demnach die Gefahr sozialer Unruhen und bewaffneter Konflikte besonders groß. 

Ohne Jobs kaum Perspektiven auf dem Land

Um das Bevölkerungswachstum in Afrika südlich der Sahara zu verlangsamen, müssten die Fertilitätsraten also vor allem in den ländlichen Räumen sinken. Erst dann würden viele der Länder überhaupt jene günstige Bevölkerungsstruktur erreichen, die – bei optimalen Rahmenbedingungen – zu einer demografischen Dividende führen kann. Gleichzeitig ließe sich damit auch der Druck durch Zuwanderer auf die rasant wachsenden Städte mildern. Doch gerade im ländlichen Raum fehlen wesentliche Voraussetzungen, die zu niedrigeren Kinderzahlen führen könnten. Vor allem die Gesundheitsversorgung und die Verfügbarkeit von Methoden der Familienplanung sind hier deutlich schlechter als in der Stadt. Und auch der Zugang zu Bildung, eine der wichtigsten Voraussetzungen zum Absenken der durchschnittlichen Kinderzahl, ist mangelhaft. So besucht auf dem Land noch immer die Mehrheit der Kinder nur wenige Jahre eine Schule. Gerade Mädchen bleibt oft der Zugang zu einer Grundschule verwehrt, und erst recht jener zu einer Sekundarbildung. Dabei zeigen Studien immer wieder den Zusammenhang zwischen niedrigem Bildungsgrad, insbesondere von Frauen, schlechten Arbeitsmarktperspektiven und hohen Kinderzahlen. Auf dem Land leben die meisten Menschen als land­lose Helfer oder als Subsistenzbauern von den Erträgen ihrer Felder. Nur einen kleinen Teil ihrer Ernte verkaufen sie auf den lokalen Märkten. Selbst Feldfrüchte, die für den Verkauf auf dem Weltmarkt angebaut werden, die sogenannten cash crops wie Kaffee, Tee oder Baumwolle, gehen ohne größere Verarbeitung und damit ohne Wertschöpfungsgewinne in den Export. 

Um jungen Menschen eine bessere Perspektive zu bieten, sind vor allem Arbeitsplätze nötig – sehr viele Arbeitsplätze, denn aufgrund des Bevölkerungswachstums werden zwischen 2010 und 2020 rund 120 Millionen Menschen zusätzlich auf die Arbeitsmärkte der afrika­nischen Staaten drängen.

Franziska Woellert

Dies hat zwei Folgen: Erstens fahren andere Marktteilnehmer die Gewinne aus den Endprodukten ein, während die Bauern bei kleiner Gewinn­marge das volle Risiko durch Ernteausfälle oder Marktpreisschwankungen tragen müssen. Und zweitens mangelt es ohne Veredelungsindustrie auch an wirtschaftlicher Entwicklung und an Arbeitsplätzen außerhalb der direkten landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Mit der Hoffnung, der Armut zu entkommen und einen besseren Lebensstandard zu erreichen, machen sich viele Menschen deshalb auf den Weg vom Land in die Städte.

Armut heißt Energiearmut

Eine lange vernachlässigte Ursache von Armut gerade in den ländlichen Räumen liegt im mangelnden Zugang zur Energieversorgung. Im Afrika südlich der Sahara verfügt nur rund jeder dritte Mensch über einen Stromanschluss, im ländlichen Raum ist es sogar weniger als jeder siebte. Vier von fünf Menschen auf dem Subkontinent müssen zum Heizen, Kochen und für Licht auf Holz und Dung oder teures Kerosin und Dieselgeneratoren zurückgreifen. Etwa 600.000 Menschen sterben jedes Jahr an der durch Schadstoffe verunreinigten Luft in ihren Haushalten. Auch öffentliche Einrichtungen haben oft keinen Zugang zum Stromnetz. In Burundi, Niger, Malawi oder Burkina Faso sind nur zwei bis 15 Prozent der Grundschulen an das Stromnetz angeschlossen. 

Ohne Stromanschluss ist weder eine Teilhabe am modernen Leben noch eine wirtschaftliche Entfaltung möglich.

Franziska Woellert

Doch die Menschen brauchen Stromanschlüsse, damit sie ihren (Schul-) Arbeiten unabhängig vom Tageslicht nachgehen können. Wenn es keine Elektrizität gibt, können sie keine Mobiltelefone aufladen und nicht im Internet surfen, sie haben nicht die Möglichkeit, Maschinen zur Verarbeitung von Agrargütern zu betreiben oder Kühlketten für Lebensmittel zu unterhalten. Kurz gesagt: Ohne Stromanschluss ist weder eine Teilhabe am modernen Leben noch eine wirtschaftliche Entfaltung möglich.

Energieversorgung: kostspielig und riskant

Bei der gegenwärtigen Entwicklungsgeschwindigkeit brauchte Subsahara-Afrika somit bis in das Jahr 2080, um jeden Einwohner mit einem Zugang zum Stromnetz zu versorgen. Wollten alle Afrikaner mit Strom kochen statt wie heute meist mit Holz, würde der Ausbau sogar bis Mitte des 22. Jahrhunderts dauern. Afrika südlich der Sahara (ohne Südafrika) ist die einzige Weltregion, in der die absolute Zahl der Menschen ohne Zugang zu modernen Energiequellen bis 2030 wachsen wird.

Ein Ausbau der Energieversorgung ist für die weitere Entwicklung von Subsahara-Afrika fundamental. Doch woher soll der Strom kommen? Länder wie Kenia oder Namibia liebäugeln zwar immer wieder mit dem Gedanken, es Südafrika gleichzutun und ein eigenes Atomkraftwerk zu errichten. Doch die finanziellen und sicherheits­politischen Risiken dieser Technologie sind kaum zu bewältigen. Fossile Brennstoffe wie Erdöl, Kohle oder Erdgas gibt es zwar reichlich in mehreren Ländern des Kontinents. Allein 30 Prozent der in den vergangenen Jahren weltweit neu entdeckten Öl- und Gasvorkommen liegen in Afrika südlich der Sahara. Doch deren Förderung und Weiterverarbeitung gestalten sich häufig schwierig und kostspielig, weil es an Infrastruktur mangelt, die politische Lage oft instabil ist und Misswirtschaft die Entwicklung bremst. Zudem belastet eine Nutzung dieser Energieträger weiter Umwelt und Klima. Abgesehen davon eignen sich Großkraftwerke für fossile Brennstoffe auch nur bedingt, um ländliche Gebiete in Afrika zu versorgen.

Entwicklungspotenziale neu zusammendenken

Afrika südlich der Sahara steht vor immensen Herausforderungen. Und selten war das Risiko größer, durch das Verschleppen von Problemen Verteilungskonflikte und Umweltprobleme in bisher unbekanntem Ausmaß auszulösen. Die Negativspirale aus hohen Kinderzahlen, Hunger, mangelnder Energieversorgung und fehlenden Perspektiven droht jegliche positive Entwicklung zu untergraben. Es ist daher für die meisten dieser Länder fundamental wichtig, dass insbesondere der Landwirtschafts- und der Energie­sektor ihre Leistungen steigern – und zwar über die reine Grundversorgung hinaus.