Nachhaltige Urbanisierung zum deutschen Schlüsselthema machen

Bis 2050 werden Städte und Infrastrukturen für weitere drei Milliarden Menschen gebaut. Über sieben Milliarden Menschen, 75 Prozent der Weltbevölkerung, werden dann in urbanen Räumen leben. Dieser größte Urbanisierungsschub der Menschheits­geschichte darf nur klimafreundlich geschehen, denn 70 Prozent der energiebedingten Treibhaus­gasemissionen sind schon heute mit der Entwicklung der Städte verbunden. Unsere deutsche Vor­rei­ter­rolle beim Klimaschutz und unser technologisches Know-how sind gute Grundlagen, um zu einem politischen Agenda-Setter in der Welt zu werden. 

Hält man sich vor Augen, dass China zwischen 2011 und 2013 mehr Beton verbaut hat als die USA im gesamten 20. Jahrhundert, so wird die Dimen­sion der Herausforderung Urbanisierung deutlich. Treiber dieses Ressourcenhungers ist der ungebremste Bevölke-rungszuwachs: In den 2050er-­Jah­ren wird die Erdbevölkerung auf mehr als zehn Milliarden Menschen angewachsen sein; allein in Afrika wird sich die Bevölkerung verdreifachen. Damit steigt der Urbanisierungsdruck: Mitte des Jahrhunderts werden sieben von zehn Menschen in Metropolen leben. Traditioneller Städtebau – basierend auf Stahlbeton, fossilem Verkehr und fossiler Energie – würde allein in der Bauphase 300 Gigatonnen Treibhausgase freisetzen. Damit wären drei Viertel des Restbudgets verbraucht, das uns das 1,5-bis-2-Grad-Ziel der Klimaschutzvereinbarungen von Paris vorgibt. Städte sind also die Orte, an denen der Kampf für wirkungsvollen Klimaschutz gewonnen oder verloren wird. In den Städten entscheidet sich auch das Wohlbefinden der Menschen und damit die politische Stabilität. 

Wird nicht gegengesteuert, würde sich die Zahl der Slumbewohner von heute etwa einer Milliarde Menschen auf zwei bis zweieinhalb Milliarden erhöhen. Weltweite klima- und sozialverträgliche Stadtentwicklung muss also zu einem internationalen Topthema werden. Deutschland hat hier viel anzubieten: modernste Baustoffe, technologisches Know-how, starke kommunale Netzwerke und erprobte Anreizsysteme für Investitionen. Wir brauchen einen Aktionsplan, wie dieses Know-how international besser zum Einsatz kommen kann. Und wir brauchen eine internationale Vereinbarung, die den Städtebau in der traditionellen Weise begrenzt und in nachhaltige Bahnen lenkt. Hier sollte Deutschland Vorreiter sein.