Migration und Sicherheit

Von Dr. Roderick Parkes

Die Globalisierung fördert nicht die Massenmi­gration – im Gegenteil. Die Globalisierung sollte den Menschen ursprünglich zu Hause halten, das war die positive Seite der globalen Vernet­zung und Homogenisierung. Korrekt ist, dass dieser Prozess nicht einfach sein würde. Es gibt heute kaum Gründe für die Menschen in weiten Teilen Afrikas und Asiens, trotz Globalisierung zu Hause zu bleiben. Die transatlantische Verantwortung ist jedoch, den bisherigen Kurs zu halten.  

Europa erlebt derzeit eine »Uber-Migration«. Das ist der Stempel, der Migranten aufgedrückt wird, die sich online vernetzen und einander beim Grenzüberschreiten ­helf­en. Migranten in der Türkei, in Libyen, in Serbien tau­- schen gegenseitig Tipps über WhatsApp aus, die ­ihrem Weiterkommen behilflich sein könnten. Sie benutzen GPS-Daten und Banküberweisungen, um ihre Durchfahrt nach Europa möglichst reibungslos zu bewältigen. Sie vergleichen und bewerten ihre Menschenschmuggler sogar auf Google Plus. »Migranten«, so ein ­europäischer Entscheidungsträger, »ge­winnen ­immer mehr die Kontrolle über die Ins­trumente ihrer eigenen Verbreitung.« 

Menschenschmuggler nutzen auch die sozialen Medien

Menschenschmuggler nutzen auch die sozialen Medien: Neue Kunden werden online rekrutiert. Sie propagieren ihre Dienste mit den modernsten Online-Marketingtechniken, ohne dabei ihre Identität preiszugeben. Diese Schmuggelnetze erreichen ein solches Ausmaß, dass europäische Behörden sich um die Gefahr von state capture sorgen. Haben europäische Behörden früher Angst vor der Ausbreitung von narco-Staaten wie Guinea-­Bissau gehabt, so müssen sie sich jetzt mit »Schmuggelstaa­ten« wie Niger oder Libyen auseinandersetzen.

Migranten benutzen GPS-Daten und Banküber­weisungen, um ihre Durchfahrt nach Europa möglichst ­reibungslos zu bewältigen. Sie vergleichen und bewerten ihre Menschenschmuggler sogar auf Google Plus

Dr. Roderick Parkes

Einige afrikanische Staaten erschweren die Situation und leisten der EU Widerstand. Ecowas, die Vereinigung westafrikanischer Staaten, hat sich zu einer wichtigen Transitzone für Migranten entwickelt, die in Anlehnung ans Schengen-­Abkommen der EU einen regionalen Freizügigkeitsraum aufgebaut hat. Doch diese grenzenlose Zone existiert mehr de facto als de jure – Migranten überqueren sie fast ohne offizielle Kontrollen. ­Eine technische Unterstützung seitens Europa wird von den westafrikanischen Staaten als ­Ver­such der Migrationseindämmung gesehen. 

Beamte der Afrikanischen Union ermutigten ihre Mitglieder sogar dazu, die Migrationskrise als Problem Europas zu behandeln und nicht als das ihrige und in diesen Fragen nicht vorbehaltlos zu kooperieren, auch wenn ihre Bürger im Mittelmeer sterben. Der Grund: Selbst die am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Afrikas schaffen es kaum, genügend Arbeitsplätze zu schaf­fen, um dem demografischen Wachstum in ihrem Land gerecht zu werden. Auch ist der Gewinn durch Überweisungen aus der europäischen Diaspora größer als der durch europäische Entwicklungshilfe. 

Der Gewinn durch Überweisungen aus der europäischen Diaspora ­ ist größer als der durch europäische Entwicklungshilfe.

Dr. Roderick Parkes

Europäer können diese Entwicklungen entwe­- der als Beweis für das Scheitern der globalen Entwicklung sehen. (Die Globalisierung verbreitet zwar Wohlstand, führt aber gleichzeitig zu Ungleichheit, Ressourcenknappheit und Unterdrückungsregimen.) Oder sie sehen darin den Beweis für ein langfristiges politisches Konzept des Westens, demzufolge die westlichen Staaten die Vorteile der globalen Wirtschaft auf den Rest der Welt durch den Aufbau von Netzwerken und Institutionen auszuweiten versuchen. Diese Institutionen und Netzwerke werden heute anderweitig benutzt als damals erhofft. Sie beweisen aber, dass sie Men­- schen ermächtigen können. Die Aufgabe der trans­atlantischen Gemeinschaft besteht in der Überbrückung der schwierigen Übergangsphase in der globalen Integration mit diesen Institutionen.