Internationale Kooperation für globale Nachhaltigkeit – eine neue Rolle für Deutschland

Von Prof. Dr. Dirk Messner

Deutschland steht ökonomisch derzeit gut da. Internationale Partner erwarten größere Beiträge Deutschlands zur Bewältigung internationaler Krisen und zur Gestaltung globaler Prozesse. Dies eröffnet Spielräume, impliziert aber auch hohe Anforderungen an die deutsche Politik. Ein bisschen geht es Deutschland wie China. Noch vor zwei Dekaden war Deutschland (wie China) ein außen- und globalpolitischer Zwerg. Heute müssen sich beide Länder zu nahezu allen außen- und globalpolitischen Fragen positionieren. Die externen Erwartungen sind nicht leicht zu erfüllen.

Dazu bedarf es weltumspannender Netzwerke, Agendasetting-Fähigkeiten, Prioritäten, finanzieller und personeller Ressourcen, militärischer Kapazitäten, internationaler und globaler Expertise in allen Ministerien, einer weltweit gut posi­tionierten und vernetzten Forschung zu globalen Fragen. Rasch steigende externe Erwartungen an die außen- und globalpolitischen Verantwortlichkeiten eines Landes, das in der Vergangenheit eher in der zweiten Liga spielte, resultieren leicht in »Bauchladenstrategien« – überall ein bisschen mitgestalten, ein bisschen dabei sein, niemanden enttäuschen wollen. Der damit einhergehende »Adhocismus« ist jedoch das Gegenteil von strategischem Handeln. Sicher ist: Deutschland braucht eine starke EU als Rahmen und Rückhalt für den Einsatz der genannten Instrumente einer Gestaltungsmacht. Im Alleingang kann Deutschland nicht Gestaltungsmacht werden, im Kontext einer sich zur Gestaltungsmacht entwickelnden EU schon.

Die »Agenda 2030« entwirft ein universell tragfähiges Gesellschafts- und Wohlstandsmodell für eine Zivilisation von bald zehn Milliarden Menschen.

Prof. Dr. Dirk Messner

Die Beobachtungen von drei externen Betrach-

tern der deutschen Außenbeziehungen umschreiben die Herausforderungen, vor denen Deutschland steht. Andrew Cooper, einer der führenden Forscher zu Global-Governance-Dynamiken, stellte kürzlich fest: »Neben den USA und China ist Deutschland derzeit aufgrund seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit, seines geschätzten Gesellschaftsmodells und seiner Rolle als Klima- und Energiewendepionier das potenziell einflussreichste Land in der Weltpolitik.« Jennifer Morgan, ehemalige Direktorin der Klima- und Energieabteilung des World Resources Institute in Washington, kommentierte die Bedeutung der deutschen Energiewende für die Außenpolitik so: »Wenn die US-Regierung eine solch epochale Energiewende eingeleitet hätte, würde sie dafür in der Welt mit Hunderten von Energiebotschaftern werben, um Bündnispartner zu gewinnen und die Richtung globalen Wandels zu gestalten, so wie sie es nach der Verkündung des Apollo-Programms und im Rahmen des Marshallplans getan hat. Etwas Vergleichbares sieht man in Deutschland bisher nicht.« Ein Mitglied einer OECD-Expertenkommission, die 2010 die deutsche Entwicklungspolitik evaluierte, fasste seine Eindrücke wie folgt zusammen: »Das alles fühlt sich nicht nach einem der wichtigsten bilateralen Geber, einem Global Player an. Deutschland spielt unter seinen Möglichkeiten.«

Auch die deutsche Entwicklungspolitik steht vor der Herausforderung, weiter steigenden inter­nationalen Erwartungen gerecht zu werden. Um diese Erwartungen erfüllen zu können, ist es zunächst wichtig, die Herausforderungen globaler Entwicklung zu skizzieren, zu deren Bewältigung Deutschland seinen angemessenen Beitrag leisten muss. 

»Agenda 2030« erfordert transformativen Wandel

Die im September 2015 verabschiedete »Agenda 2030« mit ihren 17 Zielen globaler Entwicklung (SDGs) stellt ein anspruchsvolles Programm für globale Entwicklung dar. Sie ist ein multilateraler Glücksfall in turbulenten Zeiten. Die »Agenda 2030« kann als eine Art Gesellschaftsvertrag der Weltgemeinschaft für globale Entwicklung interpretiert werden:

Die SDGs gelten universell, für alle Länder, auch für Industrieländer. Die SDGs sind also nicht nur ein entwicklungspolitisches Zielsystem, sondern ein Referenzrahmen für nachhaltige Entwicklung in einer entstehenden Weltgesellschaft von bald zehn Milliarden Menschen. 

Die SDGs konzentrieren sich auf die Bekämpfung der Armut, würdige Lebensbedingungen für alle Menschen sowie die Überwindung von Ungleichheiten und sozialer Exklusion, die die Stabilität von Gesellschaften bedrohen können. Sie machen Schluss mit der Ideologie, dass Wachstum automatisch zu sozialem Ausgleich führe.

Die SDGs betonen, dass Wohlstand, Wachstum und Armutsbekämpfung dauerhaft nur innerhalb der planetarischen Leitplanken möglich sind, wenn globale Umweltkrisen vermieden werden sollen, die insbesondere die Ärmsten und Vulnerabelsten treffen würden. 

Die SDGs betonen, dass Entwicklungsziele nur erreicht werden können, wenn Konflikte, Fragilität und Gewalt eingedämmt sowie auf Inklusion ausgerichtete Institutionen etabliert werden.

Die 17 SDGs stehen für ein neues globales, um­fassendes und universalisierbares Wohlfahrtsverständnis, das über die verengte Betrachtung von Pro-Kopf-Einkommen weit hinausreicht. SDG 17 drückt aus, dass eine globale Kooperationskultur notwendig ist, um in einer eng vernetzten Welt die Bedingungen zur Umsetzung der »Agenda 2030« zu schaffen. 

Die »Agenda 2030« liest sich wie ein Gegenentwurf zum einseitig wirtschaftsliberalen »Washington Consensus«, der seit den 80er/90er-Jahren die internationale Entwicklungsdiskussion beherrscht hat. Gelänge es, die Weltgesellschaft bis 2030 in die Richtung des skizzierten Zielsystems zu verändern, käme der »Agenda 2030« eine ähnlich wichtige Bedeutung zu wie der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte«. Letztere beschrieb nach den Verheerungen von zwei Weltkriegen die fundamentalen Rechte jedes Menschen, die überall auf der Welt, also universell gelten. Die »Agenda 2030« entwirft ein universell tragfähiges Gesellschafts- und Wohlstandsmodell für eine Zivilisation von bald zehn Milliarden Menschen, die sich der physikalischen Begrenzungen des Erdsystems und der Bedrohungen unserer Gesellschaften durch soziale Fliehkräfte und Ungleichheit bewusst ist.

Aus der Forschung wissen wir, was zu tun ist, um transformativen Wandel in Richtung der SDGs einzuleiten. Fünf Arenen des Wandels sind zentral.

Arena 1: Armut, Ungleichheit, fair geteilter Wohlstand

Armuts- und Hungerbekämpfung bleiben wichtig. 2015 lebten etwa 600 Millionen Menschen von einem Einkommen von unter 1,25 US-Dollar pro Tag; etwa eine Milliarde Menschen mussten mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Etwa genauso groß war die Zahl der chronisch Hungernden. Das ist die Zone der absoluten Armut, existenzieller Not. Über vier Milliarden Menschen verfügen über weniger als zehn US-Dollar pro Kopf pro Tag. Selbst bei hohem Wachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern würde die Armut nicht Richtung null reduziert werden. Wichtig sind massive, ressourceneffiziente In­vestitionen in die Ernährungs­sicherung. Zudem ist ambitionierter Klimaschutz in den Industrie- und Schwellenländern Bedingung für weltweite Er­nährungssicherung. 

Vollständige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist bis spätestens 2070 notwendig.

Prof. Dr. Dirk Messner

Treibhausgasemissionen in Industrie- und Schwellenländern sind Motoren weltweiter Hungerprobleme. Letztlich muss ein Umstieg vom trickle-down-Ansatz zu fairem und geteiltem Wohlstand und der Bekämpfung von Ungleichheit gelingen. Die Weltbank hat gezeigt, dass eine tatsächliche Abschaffung der Armut nur möglich ist, wenn die unteren 40 Prozent der Bevölkerungen in Entwicklungs- und Schwellenländern bis 2030 um etwa zwei Prozent höhere Einkommenszuwächse erzielen als die oberen 60 Prozent.

Arena 2: Die Grenzen des Erdsystems 

Menschliche Wohlfahrt muss in den kommenden Dekaden so vorangebracht werden, dass die Grenzen des Erdsystems nicht überschritten werden und gefährlicher Erdsystemwandel vermieden wird. Das Zeitfenster, um eine solche Transformation zur Nachhaltigkeit zu erreichen, ist sehr klein. Zentrale Weichenstellungen müssen bis 2030 eingeleitet werden, um in den dann folgenden Dekaden wirtschaftliche Entwicklung weitgehend von dem Verbrauch von Ressourcen, Treibhausgas­emissionen und der Belastung von Ökosystemen zu entkoppeln. Die Entwicklungspolitik kann wichtige Beiträge dazu leisten, diese Neuorientierungen unter Zeitdruck in möglichst vielen Ländern einzuleiten. Zentrale Konzepte und Orientierungspunkte sind:

Dekarbonisierung: Um die Einhaltung der Zwei- Grad-Leitplanke für die globale Erwärmung zu gewährleisten, auf die sich die Staatengemeinschaft in Paris 2015 geeinigt hat, ist eine vollständige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis spätestens 2070 notwendig.

Sechs zentrale Leitplanken des Erdsystems einhalten: Der WBGU hat gezeigt, dass sechs Leitplanken des Erdsystems nicht überschritten werden sollten, um irreversiblen Schaden für die Menschen zu verhindern. Und der WBGU schlägt konkrete Ziele vor, um diese Leitplanken einhalten zu können (siehe Übersicht »Sechs globale Leitplanken mit größtem Zeitdruck«). In diesen Bereichen müssen Fortschritte erzielt werden, da sonst auch andere Entwicklungs­ziele (zum Beispiel die Armuts- und Hungerbekämpfung) nicht realisiert werden können. Bis 2050 muss eine globale Kreislaufwirtschaft entstehen. 

 

Arena 3: Infrastrukturrevolution bis 2050

Die wachsenden globalen Mittelschichten und der Urbanisierungsschub der kommenden Dekaden finden vor allem in den Nicht-OECD-Ländern statt. In diesem Prozess werden bis 2050 weltweit Infrastrukturen aufgebaut, die in ihrer Dimension mindestens der Infrastrukturentwicklung während des gesamten 20. Jahrhunderts entsprechen. Im Kern geht es um Energie-, Mobilitätssysteme und urbane Infrastrukturen. Die schiere Wucht und Größenordnung dieses Infrastrukturschubes in einem sehr kleinen Zeitfenster muss klug gemanagt und gestaltet werden, um ökonomische, soziale, ökologische Aspekte angemessen zu berücksichtigen. Infrastrukturen (Transportsysteme, Gebäude, Energiesysteme) sind pfadabhängig. Was in den kommenden Jahren aufgebaut wird, legt Emissionen, Ressourcenverbrauch, Energiepfade für sehr lange Zeiträume fest. Ein Beispiel: Die urbane Weltbevölkerung wird sich bis 2050 auf sieben Milliarden Menschen verdoppeln. Für die neuen Städte werden klimaverträgliche Baustoffe benötigt. Die traditionelle Urbanisierung mit Stahlbeton, fossilem Verkehr, fossiler Fernenergie würde allein in der Bauphase 300 Gigatonnen Treibhausgase erfordern. Damit wären drei Viertel des Restbudgets verbraucht, das mit 1,5 bis zwei Grad Celsius Erwärmung kompatibel wäre.

Arena 4: Fragilität – Konflikt – Flucht

In gut 35 fragilen Staaten leben etwa 1,5 Milliarden Menschen. Fragilität untergräbt menschliche Entwicklung und geht oft mit Gewalt und Konflikt einher. Destabilisierte Staaten bedeuten auch eine Gefährdung regionaler oder gar internationaler Sicherheit. In schwachen Staaten können sich internationale Terrorgruppen ungehindert ansiedeln (zum Beispiel Afghanistan, Libyen); Menschen fliehen aus schwachen Staaten (zum Beispiel Irak, Libyen), wodurch Nachbarländer, Regionen oder (wie die aktuellen Flüchtlingsbewegungen zeigen) auch Europa betroffen sein können; die Wege des Drogenhandels führen oft durch fragile Staaten (zum Beispiel in Zentralamerika) beziehungsweise der Drogenhandel destabilisiert Gesellschaften; in der Mena-Region kann beobachtet werden, wie eine Nachbarregion Europas insgesamt destabilisiert wird – es droht eine failed region vor der Haustür Europas. Einfache Rezepte zur Einhegung von Fragilität und Gesellschaftszerfall gibt es nicht. Wie in der Mena-Region deutlich wird, müssen unmittelbare humanitäre Hilfe (zum Beispiel Investitionen in Flüchtlingslager), mittel- und lang­fristig ausgerichtete Entwicklungspolitik (zum Beispiel ein »Marshallplan« für die Mena-Region; Unterstützung der Aufnahmeländer von Flüchtlingen), Diplomatie (Syrien-Konferenz), Sicherheitspolitik (zum Beispiel durch Schaffung sicherer Zonen in Krisengebieten) und Handelspolitik (Eliminierung aller Handelshemmnisse, um zum Beispiel wich­tige Reformstaaten wie Tunesien zu unterstützen) gebündelt werden, um Stabilisierungserfolge zu erzielen und Chancen für menschliche Entwicklung zu verbessern.

Arena 5: Gerechte Weltwirtschaft

Handel und weltwirtschaftliche Arbeitsteilung sind Wohlstandstreiber und Entwicklungsmotoren, doch es muss sichergestellt werden, dass auch Entwicklungsländer von ihnen profitieren können. Die »Agenda 2030« bietet die Chance für den Aufbau einer fairen, sozial und ökologisch nachhaltig gestalteten globalen Ökonomie. Die Handlungsfelder sind bekannt: Im Welthandel müssen den ärmsten Ländern Spielräume für nationale Entwicklungsstrategien eingeräumt und unfaire Handelspraktiken gegenüber Entwicklungsländern abgeschafft werden. Gerechte Steuersysteme und Kapitalmärkte müssen den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Laut Schätzungen der OECD (2015) entgehen den Regierungen jedes Jahr 100 bis 240 Milliarden Dollar infolge der »Steuergestaltung« internationaler Konzerne. Der Klimawandel hat das Potenzial, die Stabilität der Finanzmärkte zu gefährden.


Die traditionelle Urbanisierung mit Stahlbeton, fossilem Verkehr, fossiler Fernenergie würde allein in der Bauphase 300 Gigatonnen Treibhausgase erfordern.

Prof. Dr. Dirk Messner

Um langfristige, kohlenstoffarme Investitionen zu fördern, muss das internationale Finanzsystem so reformiert werden, dass kommerzielle Banken und institutionelle Investoren verstärkt in kohlenstoffarme Projekte investieren. 

Transformative Entwicklungspolitik zur Umsetzung der »Agenda 2030« – eine globale Gemeinwohlagenda

Die deutsche Entwicklungspolitik kann eine Vorreiterrolle bei der Umsetzung der SDGs und des Pariser Klimaabkommens spielen, indem sie Partnerländer bei entsprechenden Reformen unterstützt und für die Umsetzung der SDGs zu Hause, in Deutschland und Europa, wirbt. Folgende Orientierungen wären grundlegend, um die Potenziale der deutschen Entwicklungspolitik als Beiträge zu einer globalen Gemeinwohlagenda zu mobilisieren und Deutschland als zentralen Akteur im Netzwerk internationaler Kooperation zu positionieren.

»Agenda 2030« – »Weiter so« geht nicht: transformativer Wandel unter Zeitdruck notwendig

Deutlich ist, dass die Umsetzung der SDGs auf der Grundlage inkrementellen Wandels nicht zu schaffen ist. Dies gilt für alle skizzierten Handlungsarenen. Entscheidend ist der Faktor Zeit: Wenn bis 2030 nicht die richtigen Weichen gestellt werden, wird faire und nachhaltige Entwicklung im 21. Jahrhundert unmöglich. Schnelles und transformatives Handeln ist notwendig. Die deutsche Entwicklungspolitik sollte eine Roadmap entwickeln, um ihre Beiträge zur Umsetzung der »Agenda 2030« sichtbar und überprüfbar zu machen.

Zukunftspartnerschaft mit Afrika

Deutschland sollte die Zusammenarbeit mit Afrika an den fünf Handlungsarenen nachhaltiger Entwicklung ausrichten. Armutsbekämpfung, Ernährungssicherung, Stärkung der unteren 40 Prozent der afrikanischen Gesellschaften stehen im Zentrum. Aber ohne die die Einhegung fragiler Staaten und die Überwindung unzureichender Regierungsführung, die vor allem ein gemeinsames Vorgehen der europäischen Länder in Afrika sowie eine enge Vernetzung zwischen Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik erfordert, wird Afrika seine Position in der globalen Gemeinschaft nicht verbessern können. Zentral ist es, die Kooperation mit Afrika auf Wechselseitigkeit auszurichten und mit afrikanischen Akteuren des Wandels zu kooperieren: junge Menschen, kreative und gemeinwohlorientierte Unternehmer, Kulturschaffende, Wissenschaftlerinnen. 

Großes Kooperationspotenzial mit 70 »in between-Ländern« heben

Entwicklungspolitik sollte auch in aufstrebenden Ländern (wie Brasilien, Indien, Indonesien) engagiert bleiben. Mit diesen zentralen Schwellenländern sollte die Entwicklungspolitik zusammen­arbeiten, um deren Aufbau eigener Institutionen internationaler Kooperation zu begleiten. Zudem sollte die Kooperation mit diesen Ländern aus­gebaut werden, um regionale beziehungsweise globale Gemeinschaftsgüter zu schützen (zum Beispiel durch Klimaschutz, Waldschutz, Stärkung von Regionalorganisationen, Friedenssicherung), denn das 21. Jahrhundert ist die Ära der global commons. Eine wichtige Zukunftsaufgabe ist es, innovative Kooperationskonzepte für die große Gruppe der etwa 70 »in between-Länder«, oberhalb der ärmsten Gesellschaften und unterhalb der bereits etablierten Schwellenländer, zu entwickeln. In Ländern wie Vietnam, Peru, Kenia leben weiterhin viele arme Menschen, zudem sind viele globale Entwicklungsfragen ohne diese Partner nicht lösbar. Hier liegt ein großes, vernachlässigtes Kooperationspotenzial.

Entwicklungspolitik und vernetzte Außenbeziehungen

Entwicklungspolitik ist ein wichtiges Politikfeld, um die Umsetzung der »Agenda 2030« in Kooperation mit Entwicklungs- und Schwellenländern voranzubringen. Zugleich ist die Zusammenarbeit zwischen dem BMZ und anderen außenorientierten Politiken zentral, um vielschichtige globale Entwicklungsprobleme zu lösen: In der Mena-Region müssen Außen- und Sicherheitspolitik, humani­täre Hilfe und Entwicklungspolitik zusammenwirken; in Schwellenländern geht es darum, vielfäl­ti­ges deutsches Engagement (über die gesamte Breite der außenorientierten Politiken bis hin zur Außenenergie-, Umwelt-, Wissenschaftspolitik) zu bündeln; die Gestaltung der Global Economic Governance beeinflusst die Entwicklungschancen armer Länder, sodass sich die Entwicklungspolitik gemeinsam mit der internationalen Handels-, Finanz- und Investi­tions­politik um entwicklungsländerfreundliche Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft bemühen sollte. Bisher agieren diese außenorientierten Politiken Deutschlands oft unabhängig voneinander. Der Schlüssel zur Steigerung deutscher Gestaltungsmöglichkeiten in der internationalen Kooperation ist »Vernetzung«. Diese könnte durch zwei Reformen angeschoben werden: Ein Kanzleramtsminister für Außenbeziehungen könnte für Koordination, gemeinsame Ziele und höhere Sichtbarkeit in den deutschen Außenbeziehungen sorgen; ein wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung könnte die gesamten Außenbeziehungen Deutschlands beobachten und kontrollieren, Verbesserungsvorschläge erarbeiten und so das Augenmerk auf vernetzte Außenbeziehungen lenken – so könnte auch eine Gemeinschaft von Menschen entstehen, die sich für die Außenbeziehungen Deutschlands interessieren. 

Deutschland als Mitgestalter europäischer, multilateraler und trans­nationaler Entwicklungskooperation

Deutschland gehört zu den großen Investoren der internationalen Entwicklungspolitik. Zugleich sind viele Entwicklungsprobleme, von der Stabilisierung fragiler Staaten und der Bekämpfung von Epidemien über den Klimaschutz bis hin zur Weiterentwicklung der Global-Economic-Governance-Architektur, nur lösbar, wenn starke internationale Partnerallianzen zusammenarbeiten. Deutschland muss seine Rolle als wichtiger Gestaltungsakteur der europäischen und der multila­teralen Entwicklungskooperation stärken.

Neben den USA und China ist Deutschland derzeit aufgrund seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit, seines geschätzten Gesellschaftsmodells und seiner Rolle als Klima- und Energiewendepionier das potenziell einflussreichste Land in der Weltpolitik.

Prof. Dr. Dirk Messner

Im Zentrum steht die europäische Zusammenarbeit. 2050 werden nur noch fünf Prozent der Weltbevölkerung in Europa zu Hause sein. Wenn Europa seine Potenziale zur Gestaltung globaler Entwicklung nicht bündelt, gerät der Kontinent an die Peripherie des internationalen Systems. Da­rüber hinaus ist für Deutschland und Europa die enge Zusammenarbeit mit zentralen Organisationen wie der Weltbank, dem IWF, den regionalen Entwicklungsbanken, regionalen Organisationen (wie zum Beispiel der Afrikanischen Union), aber auch mit neuen Akteuren, wie der asiatischen Infrastrukturbank und der Brics-Bank, von großer Bedeutung, um in einer interdependenten Welt durch multilaterale Kooperation wirksame Lösungen für grenzüberschreitende Probleme zu erarbeiten. Immer wichtiger wird zudem die Zusammenarbeit mit transnationalen, nicht staatlichen Akteuren, wie Städtebündnissen (zum Beispiel ICLEI, C40), Wissenschaftsnetzwerken oder auch Menschenrechtsgruppen. Die multi- und trans­nationale Kooperation hebelt die Gestaltungskraft Deutschlands und Europas in der internationalen Zusammenarbeit.

Digitalisierung als game changer globaler Entwicklung

Die deutsche Entwicklungspolitik wird sich zukünftig intensiver mit der Bedeutung der Digi­talisierung für globale Entwicklung beschäftigen. Digitalisierung verändert Arbeitsmärkte, Bildungssysteme, Medizin, Welthandel, Klimaschutz, Demokratie, globale Kommunikationsnetzwerke und Wissenschaft, verknüpfte lokale Stand- und Lebensorte weltweit. Den Chancen und Risiken dieser Entwicklungen und ihrer Bedeutung für die »Agenda 2030« sollte von der deutschen Entwicklungspolitik große Beachtung geschenkt werden.

Gemeinsames Wissen für gemeinsames Handeln schaffen – ein Paradigmenwechsel

Viele Entwicklungsländer sind an neuen Formaten der Kooperation interessiert, die über die klassische Entwicklungszusammenarbeit hinausgehen. 

In der Vergangenheit kam das Wissen zur Lösung von Entwicklungsproblemen oft aus den OECD-­Ländern und deren Wissensinstitutionen. Zukünftig sollte in der deutschen Entwicklungspolitik »gemeinsame Wissensproduktion« mit den Wissensakteuren der Partnerländer im Zentrum stehen. Gemeinsam erarbeitetes Wissen führt zu besseren Problemanalysen, wirksameren Lösungsansätze, aber vor allem auch zu mehr Legitimation für gemeinsames Handeln.

Im Welthandel müssen unfaire Praktiken gegenüber Entwicklungsländern abgeschafft werden.

Prof. Dr. Dirk Messner

Gemeinsame Wissenspro­duk­­tion eröffnet somit Kooperationsräume. Die deutsche Entwicklungspolitik ist stark durch die technische und finanzielle Zusammenarbeit geprägt – eine umfassende Wissenschafts- und Wissenskooperation mit Partnern aus Entwicklungs- und Schwellenländern könnte massiv ausgeweitet werden.

Globale Kooperationskultur schaffen – eine Herkulesaufgabe

Die »Agenda 2030« setzt eine dichte globale Ko­operation voraus. Doch diese ist alles andere als selbstverständlich. Die Verabschiedung der SDGs und der erfolgreiche Klimagipfel im Dezember 2015 dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass neue Konfliktlinien, nationalistisch verengte Machtkonzepte, die Infragestellung des Völkerrechts, auseinanderdriftende Weltordnungsvorstellungen und Machtrivalitäten das internationale System derzeit charakterisieren. Wolfgang Ischinger hat seine Sorge zur Eröffnung der Sicherheitskonferenz 2014 zum Ausdruck gebracht: »Wir leben in einer Ära des Weltordnungszerfalls.« Die Entwicklungspolitik ist auf eine globale Koope­rationskultur angewiesen, sie kann aber auch selbst durch ihre Netzwerke dazu beitragen, diese zu stärken und Kooperationsräume zu öffnen. Die Entwicklung einer globalen Kooperationskultur ist eine der Herkulesaufgaben des 21. Jahrhunderts.