Hunger- und Agrarkonflikte erfordern Sicherheitspolitik

Von Prof. Dr. Joachim von Braun

Der Hunger und seine Ursachen sind immer komplexer geworden. Die Bürger sind sensibler und artikulierter, wenn Hunger droht, und die neuen sozialen Medien helfen ihnen dabei. Damit ist der Hunger auch politischer geworden, und das birgt neue Risiken für die Politik, aber auch Chancen für die Überwindung des Hungers. Deshalb sollte Entwicklungspolitik in diesem Bereich kohärent mit der Außen- und Sicherheitspolitik zusammenarbeiten. Noch immer hungern von den circa sieben Milliarden Menschen ungefähr 700 Millionen, und rund zwei Milliarden können sich keine gesunde Diät leisten. 

Neue Dimensionen hat der Hunger in konfliktbelasteten Staaten. In einer Reihe von Ländern wird Hunger inzwischen als Teil von kriegerischen Auseinandersetzungen bewusst eingesetzt, oder er ist eine Folge von Konflikten, so zum Beispiel in Syrien, Jemen, Somalia, Südsudan, Burundi. Städte und Regionen werden zeitweise eingekesselt und Hilfe wird nicht zugelassen, wie das Beispiel Aleppo 2016 zeigt. Dies widerspricht dem Völkerrecht und dem universellen Menschenrecht auf Nahrung. Diplomatie und gegebenenfalls militärische Intervention sind für die Überwindung solcher extremen Hungerursachen zu erwägen, unter Beachtung aller Risiken und Chancen. Nothilfe kann auch in komplexen Situationen wie diesen noch wirksam sein, stößt aber an ihre Grenzen.

Die tradierten un-Organisationen sollten einer Ernährungspolitik- plattform unterstellt werden.

Von Prof. Dr. Joachim von Braun

Eine neue Erfahrung war es auch, dass es infolge der Verdoppelung und Verdreifachung der Weltmarktpreise von Weizen beziehungs­weise Reis 2008–2009 zu einer Welle von Protesten in über 60 Ländern kam. Mehr als die Hälfte der Preisrevolten waren gewalttätig. Internatio­nale Entwicklungszusammenarbeit und die be­tro­ffenen Länder selbst hatten den Agrarsektor über Jahrzehnte vernachlässigt. Zu spät wurden die ­außen- und sicherheitspolitischen Implika­tionen dieses strategischen Fehlers erkannt. Inzwi­schen wurden sie teilweise korrigiert, wie zum Beispiel in Afrika mit Programmen wie »Comprehensive ­Africa Agriculture Development Programme« (CAADP) und »Alliance for a Green Revolution in Africa« (AGRA) und in der deutschen und US-amerikanischen Zusammenarbeit mit dem »Eine Welt­ ohne Hunger«-Programm beziehungsweise dem »Feed the Future«-Programm.  

Der Klimawandel verschärft Konflikte um Wasser und Nahrungsmittel

Ackerland ist weltweit zunehmend knapp geworden, und die Landpreise haben sich in den vergangenen zehn Jahren global vervielfacht. Das hat Konflikte um Land ausgelöst. Politische Unsicherheit nimmt damit in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer zu und löst Migration aus. In vielen Ländern werden die vorhandenen Wasservorkommen fast vollständig genutzt, dennoch wird die landwirtschaftliche Nachfrage nach Wasser in Zukunft stark ansteigen. Auch bei Wasser ist Diplomatie zunehmend gefordert. Der Klimawandel verschärft Konflikte um Wasser und ­Nahrungsmittel. 

Prioritäre Maßnahmen sind Förderung von landwirtschaftlichem Wachstum in Entwicklungs­ländern; Reduzierung extremer Marktvolatilität ­ bei Nahrungsmitteln und Ausweiten von sozialer Sicherung. Zentral ist es aber, dass die Global-­Governance-Struktur im Agrar- und Ernährungsbereich fundamental umgestaltet wird. Das über die vergangenen 60 Jahre gewachsene System wird den heutigen Herausforderungen nicht gerecht. Die tradierten UN-Organisationen sollten ­einer Ernährungspolitikplattform unterstellt werden, der sie mit technischem Know-how dienen können. Diese Ernährungspolitikplattform müsste auf höherer politischer Ebene verankert werden. Ein International Panel on Food, Nutrition and Agri­culture (IPFNA) sollte – analog zum IPCC bei Klima­fragen – die Evidenzbasis bereitstellen.