Globalisierung neu aushandeln

Von Prof. Dr. Amrita Narlikar

Globalisierung – die immer engeren Verflechtungen zwischen Ländern und Völkern, herbeigeführt durch den Austausch von Waren, Dienstleistungen, Kapital, Arbeitskraft, Vorstellungen und Ideen über Grenzen hinweg – hat uns viel Gutes gebracht. Die wirtschaftlichen Kennzahlen sind eindeutig, was Wachstum und Wohlstand angeht, den Handel, Migration und bestimmte Formen der weltweiten Integration allen Ländern beschert haben. Die Globalisierung ist eine steigende Flutwelle, die alle sozialen Klassen emporträgt, insbesondere wenn entsprechende Gesellschaftsverträge bestehen. Dennoch hat eine große Ernüchterung im Hinblick auf die Globalisierung eingesetzt.

Ablehnung der Globalisierung im Mainstream angekommen

Betrachtet man die starke Ablehnung des Freihandels, die im US-Präsidentschaftswahlkampf zum Ausdruck kam, so wird deutlich, dass die Ablehnung der Globalisierung im Mainstream angekommen ist. Ein weiteres drastisches Beispiel ist das Ergebnis des Brexit-Referendums. Die Radi­kalisierung, sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern, ist zum Großteil eine Reaktion der Jugend auf das, was sie ­als nicht eingelöste Versprechen der Globalisierung betrachtet.

Die Globalisierung gerät trotz der großen Vorteile, die durch sie entstehen, unter Beschuss. Es ist notwendig, eine neue Einigung mit all jenen zu finden, die bisher an den Rand gedrängt sind.

Prof. Dr. Amrita Narlikar

Verhandlungen über Handelsabkommen werden auf verschie­denen Ebenen blockiert; das Projekt ­Europa, das mehr als 70 Jahre lang dazu beigetragen hat, Frieden und Sicherheit zu gewährleisten, wird massiv infrage gestellt; und große Teile der Welt sehen sich durch Terror­anschläge von radikalen Gruppierungen bedroht. Wenn die Antiglobalisierungsbewegung tatsächlich zu einer Deglobalisierung führt, wären die Kosten für das Gesamtsystem hoch. Die vorliegenden Daten weisen darauf hin, dass während alle unter einer Deglobalisierung zu leiden hätten, die Last für die Armen weit höher wäre als für die Reichen.

Neuaushandlung der Bedingungen für die Globalisierung

Die Globalisierung muss grundsätzlich neu ausgerichtet werden. Die nachfolgend skizzierten drei Lösungsansätze könnten dazu beitragen, den Prozess insgesamt wieder auf Kurs zu bringen. Erstens wird die Globalisierung unter anderem deshalb als Verschwörung rechenschaftsloser internationaler Eliten gesehen, weil die jeweiligen Anspruchsgruppen viel zu wenig miteinbezogen werden. Dies nachzuholen, wäre wichtig und muss mehr sein als nur eine PR-Maßnahme. Es braucht eine neue Übereinkunft mit denjenigen, die bisher an den Rand gedrängt sind. 

Wenn die Antiglobalisierungsbewegung tatsächlich zu einer Deglobalisierung führt, werden wir alle einen hohen Preis dafür zahlen.

Prof. Dr. Amrita Narlikar

Dazu gehören Entwicklungsländer, die internationale Verhandlungen nicht mitgestalten konnten, sowie Gruppierungen sowohl innerhalb der Industrie- als auch der Entwicklungsländer, die von einer Mitsprache ausgeschlossen waren. Zweitens finden sich trotz der Zugewinne im Allgemeinen bestimmte Gruppen innerhalb einzelner Länder auf der Verliererseite wieder. Internationale Institutionen haben nur begrenzt Kontrolle darüber, wie diese Länder solche Verluste kompensieren. Hier kommt der ­lokalen Regierung eine entscheidende Rolle zu. Auch wenn Gesellschaftsverträge mit den nationalen Kulturen stark variieren, alle Regierungen müssen Wege finden, die Bevölkerung an den Gewinnen der Liberalisierung teilhaben zu lassen. Drittens liegen für Wissenschaftler und Entscheidungsträger die Vorteile der Globalisierung so klar auf der Hand, dass sie glauben, es sei unnötig, weiter darüber zu sprechen. Doch diese Selbstgefälligkeit fordert ihren Tribut, insbesondere wenn sie auf die schlecht informierte Leidenschaft der Globalisierungsgegner trifft. Wenn die Globalisierung überleben soll, müssen ihre Vorteile immer wieder wirksam publik gemacht werden. Ohne die Unterstützung der Bevölkerung hat selbst eine veränderte, neu ausgerichtete Form der Globalisierung kaum eine Chance.