Fluchtursachen bekämpfen verlangt einen langen Atem

Von Reiner Klingholz

Die Flüchtlingsströme der jüngeren Vergangenheit haben der europäischen Politik ein Problem vor Augen geführt, das sich seit Jahrzehnten ­verschärft hat: das hohe Bevölkerungswachstum in den armen und wenig entwickelten Ländern der Welt. Es ist vor allem deswegen so hoch, weil diese Länder so wenig entwickelt sind und die Bewohner wenig Pers­pektiven haben. Erst mit der Aussicht auf ein planbares Leben beginnen die Menschen auch die Größe ihrer Familie zu planen. 

Ohne Perspektiven bleiben die Länder in einem Kreislauf aus Armut und Bevölkerungswachstum gefangen. Sie eröffnen sich erst, wenn eine Gesundheitsversorgung den Menschen und ihren Kindern ein Überleben sichert, wenn sie über Bildung befähigt werden, am ge­sellschaftlichen Leben teilzuhaben und wenn sie eine Beschäftigung finden, die ihnen ihr Dasein ­finanziert.

Erst mit der Aussicht auf ein planbares Leben beginnen ­­ die Menschen auch die Größe ihrer Familie zu planen.

Reiner Klingholz

Diese Zusammenhänge waren lange kein Thema auf der politischen Agenda, weil diese Länder weit entfernt von Europa lagen und keinen weltpolitischen Einfluss hatten. Das hat sich geändert, seit einige dieser Staaten so instabil geworden sind, dass radikale Gruppen die Perspektivlosigkeit der Menschen ausnutzen können, um Anhänger zu ­rekrutieren und den Rest der Bevölkerung zu ­terrorisieren. Eine Folge dieser Instabilität ist der wachsende Flüchtlingsdruck auf Europa.

Sorgen die Flüchtlinge für eine ­Neuorientierung der Entwicklungspolitik?

Diese Länder waren lange Zeit das Ziel der internationalen Entwicklungspolitik, die sich aus einer globalen Verantwortung oder aus wirtschaftlichen Interessen heraus für einen gesellschaftlichen Fortschritt engagieren wollte. Diese klas­sische Entwicklungszusammenarbeit, deren Erfolge angesichts der heutigen Lage in vielen Entwicklungsländern überschaubar sind, hatte stets auch das unausgesprochene Ziel, die Menschen vor Ort zu halten. Es zeichnet sich seit Längerem ab, dass sich mit der Aufnahme von Migranten unmög­­- lich das starke Bevölkerungswachstum in Afrika und Westasien auffangen lässt, auch wenn ein alterndes und demografisch schrumpfendes Europa mittelfristig auf Zuwanderung angewiesen ist.

Angesichts der Krisen in Syrien, Afghanistan, Jemen oder anderswo ist das Bekämpfen von Fluchtursachen zu einem erklärten Ziel der ­Ent­- ­wick­lungszusammenarbeit geworden. Doch ­die­­­ses Ziel zu erreichen ist heute ungleich schwerer als noch vor einigen Jahren. Es erfordert unspekta­kuläre Interventionen und viel Geduld. 

Die wirksamsten Hebel für ­Entwicklung sind bekannt 

Die Analyse von gesellschaftlichen Fortschritten in praktisch allen Ländern der Welt zeigt deut­-lich, welche grundsätzlichen Maßnahmen einen ­uni­ver­sellen Weg zur Entwicklung bahnen: Dort, wo die Regierungen zum richtigen Zeitpunkt in ­Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätze investiert ­haben, hat sich das Wohlergehen der Menschen verbessert, haben sich das übermäßige Bevöl­kerungswachstum und die Konflikte reduziert und hatte die Demokratisierung eine Chance.


Bildung ist das zentrale Instrument der Entwicklung, weil es positiv auf andere Bereiche ausstrahlt. Bildung ist nicht alles. Aber ohne Bildung ist alles nichts.

Reiner Klingholz

Gesundheitsprogramme senken die Kindersterblichkeit, was eine Voraussetzung dafür ist, dass sich die Menschen für weniger Nachwuchs entscheiden. Bildung befähigt die Menschen, über den eigenen Horizont hinauszusehen, sie ist Voraussetzung für das Entstehen moderner Gesellschaften und für deren Teilhabe an der globalen Wertschöpfung. Bildung von Frauen ist zudem das effizienteste Verhütungsmittel, denn allein ­eine Sekundarbildung reduziert in armen Ländern die Fertilitätsrate um etwa 50 Prozent gegenüber einer Grundschul- oder gar keiner Bildung. Arbeitsplätze und ein freies, innovatives Unternehmertum schließlich sind notwendig, damit sich bessere Bildung auch in volkswirtschaftliche ­Erfolge übersetzt.

Bildung ist dabei das zentrale Instrument der ­Entwicklung, weil es positiv auf die beiden anderen Bereiche ausstrahlt. Bildung ist nicht alles. Aber ohne Bildung ist alles nichts.