Für eine deutsch-chinesische Allianz

Von Achim Steiner

Wenn der Verbrauch natürlicher Ressourcen auf dem heutigen Niveau anhält, dann werden wir im Jahr 2050 drei Erden benötigen, um dem Bedarf nachzukommen. Treiber dieses Ressourcenhungers sind der anhaltende Bevölkerungszuwachs sowie der zunehmende Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen. Im Jahr 2030 – zum Abschluss der »Agenda 2030«-Periode – werden mehr als 8,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben; in den 2050er-Jahren wird die Erdbevölkerung schließlich auf mehr als zehn Milliarden Menschen angewachsen sein.

Um sie zu ernähren, müssen unter den Bedin­gungen des Klimawandels und zunehmender Wasserknappheit 70 Prozent mehr Nahrung produziert werden als heute. Zugleich steigt der Urbanisierungsdruck: Während heute bereits gut die Hälfte der Menschen in Städten lebt, werden im Jahr 2050 sieben von zehn Menschen in Metropol­regionen leben. 

Obwohl Deutschland nur an 17. Stelle der Weltbevölkerungs­statistik steht, ist es der zehnt­größte Pro-Kopf-Emittent von Treibhausgasen.

Achim Steiner

Um diesem »Trilemma des Wachstums« – Bevöl­kerungswachstum, Ressourcenverbrauch, Emissionen – zu begegnen, hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) vier Grundbedingungen formuliert: Die Weltwirtschaft muss bis spätestens 2070 kohlendioxidfrei sein (Dekarbonisierung); mensch­liche Entwicklung darf fortan nur noch innerhalb der plane­tarischen Grenzen stattfinden; weltweit muss das Prinzip der Kreislaufwirtschaft durchgesetzt werden (3R: Reduce/Minderung, Reuse/Wiederverwendung, Recycle/Wiederverwertung). Vor allem: Es bedarf einer klugen Antwort auf den Urbanisierungsschub.

Verbannung von Kohlendioxid aus unseren Wirtschaftskreisläufen

Damit die Verbannung von Kohlendioxid aus unseren Wirtschaftskreisläufen bis 2070 überhaupt möglich wird, müssen dafür bis 2030 die Weichen gestellt werden. Nicht bloß in den großen Wirtschaftszentren der industrialisierten Staaten, nein weltweit.

Konkret bedeutet dies: Wir brauchen nicht nur eine Energiewende; wir brauchen zugleich eine Verkehrswende, eine Bauwende und eine Agrarwende. Das kommt einem grundlegenden Wandel unseres gesamten Lebensstils und unserer Wirtschaftskreisläufe gleich – in nicht einmal anderthalb Jahrzehnten. Weg vom Primat einer auf Wachstum fixierten Wirtschaft hin zu einem Primat der Nachhaltigkeit.

Ist ein solcher Paradigmenwechsel unter den gegenwärtigen Voraussetzungen realistisch? Die Antwort auf diese Frage ist ein ernüchterndes »Wahrscheinlich nicht«. Angesichts der schleppenden Transformationserfahrungen der letzten 25 Jahre – seit dem ersten UN-Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro 1992 – wäre alles andere Augenwischerei.

Doch wollen wir nicht einen irreversiblen Schaden an unserem Planeten in Kauf nehmen, dann gibt es zur massiven Reduzierung von klimaschädlichen Emissionen keine Alternative. Stellt sich die Frage, welche Strategie wir angesichts des bereits fortgeschrittenen Klimawandels verfolgen sollten, damit dieses ambitionierte Ziel nicht vollends außer Reichweite gerät. Weiter wie bisher, nur eben etwas umweltbewusster? Oder aber ein disruptiver Pfadwechsel hin zu einer tatsächlich nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensform?

Erstmals globale Selbstverpflichtung zum Schutz des Klimas

Wo also stehen wir? Wie überlebensfähig sind wir mit der Rezeptur »Weiter wie bisher«? Mit dem im Dezember 2015 in Paris verhandelten Weltklimavertrag hat sich die Staatengemeinschaft erstmals einer umfassenden Selbstverpflichtung zum Schutz des Klimas unterworfen. Das Protokoll ist am 4. November 2016 in Kraft getreten. Zwar handelt es sich dabei nicht um eine völkerrechtlich bindende Vereinbarung, aber indes haben 119 der 197 UNFCCC-Signatarstaaten das Paris-Protokoll ratifiziert (Stand: 31. Dezember 2016) – darunter neun der zehn größten Emittenten. Sie allein verantworten gut zwei Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes und repräsentieren knapp die Hälfte der Weltbevölkerung. Weitet man diese Betrachtung auf die G20 aus, so werden drei Viertel aller CO2-Emissionen und zwei Drittel der Weltbevölkerung erfasst. Damit wird deutlich, wo anzusetzen ist: bei den Hauptverursachern des Klimawandels.

Von ihnen geht nun eine positive Nachricht aus: Erstmals seit Jahrzehnten scheint in den G20-Staaten der CO2-Ausstoß als Folge der Energieproduktion zu stagnieren. Gleichwohl ist dies noch kein Grund zur Entwarnung. Denn ob die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft gelingt oder nicht, ist vor allem von zwei Faktoren abhängig: zum einen vom Abbau der Subven­tionen für fossile Energieträger; zum anderen vom Verzicht auf den Bau weiterer Kohle­kraftwerke.

Die Folgen der Zerstörung unserer Habitate: soziale Konflikte um knappe Ressourcen, schei­ternde Staaten, Migrationswellen, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Instabilität.

Achim Steiner

Würden sämtliche Kohlekraftwerke gebaut, die derzeit weltweit in Planung sind (circa 1500), dann wäre eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius nicht mehr zu realisieren. Doch selbst wenn keine weiteren Kohlekraftwerke mehr gebaut würden, läge der CO2-Ausstoß vorhandener Kraftwerke 150 Prozent höher, als für das Zwei-Grad-Ziel verträglich wäre. Kohlekraftwerke müssen also in absehbarer Zeit vom Netz genommen und durch umweltverträg­liche Kraftwerke ersetzt werden. Hierfür sind enorme Mittel zur finanziellen Kompensation nötig, denn der Lebenszyklus eines Kohlekraftwerks von der Planung bis zum Rückbau beträgt circa 60 Jahre; gehen Kraftwerke früher vom Netz, ist der volkswirtschaftliche Schaden beträchtlich.

Doch die finanziellen Mittel für diese große Transformation stünden durchaus zur Verfügung. Denn allein die G20-Staaten subventionierten im Jahr 2015 die Produktion oder den Konsum fossiler Energieträger (Kohle, Öl, Gas) mit rund 440 Milliarden US-Dollar. Rechnet man die externen Kosten hinzu, die Gesellschaften durch die Verschmutzung der Umwelt und durch Gesundheitsschäden entstehen, dann entspricht das einer faktischen Subventionierung je Tonne Kohlendioxid von rund 150 US-Dollar.

Doch selbst wenn diese beiden Hindernisse aus dem Weg geräumt würden, reichten die nationalen Klimaschutzbeiträge der Signatarstaaten des Paris-Abkommens bislang gerade einmal für 30 bis 40 Prozent der Emissionsreduzierungen aus, die notwendig wären, um die globale Erwärmung tatsächlich unter das Zwei-Grad-Ziel zu drücken. Denn diese Klimaschutzbeiträge der Staaten beziehen sich derzeit fast ausschließlich auf den Umbau der Energiesysteme.

Einen Musterbruch herbeiführen

Die Klimaschutzziele von Paris sind also nur zu erreichen, wenn wir einen Musterbruch herbeiführen – weg vom Primat einer wachstumsfixierten Wirtschaft hin zum Primat der Nachhaltigkeit. Dies ist mit inkrementellen Verbesserungen unseres bisherigen Gesellschafts- und Wirtschafts­modells nicht zu leisten. Es ist eines jener »wicked problems«, die nicht bloß durch ein »Mehr vom Gleichen« zu bewältigen sind, sondern grund­legende Veränderungen des gesamten Ökosystems in Gang setzen – und deshalb auch nach grund­legend anderen Problemlösungen verlangen.

Warum? Weil der andauernde Bevölkerungsdruck der Umsetzung der Ziele von Paris im Wege steht. Ein Beispiel: Der demografische Wandel wird vor allem für den afrikanischen Kontinent massive Folgen haben. Innerhalb von nur 85 Jahren wird sich seine Bevölkerung auf rund 4,4 Milliarden Menschen vervierfachen. Doch bereits bis zum Jahr 2050 müssen weltweit Wohnraum und Infrastruktur für drei Milliarden Menschen geschaffen werden. Traditioneller Städtebau – basierend auf Stahlbeton, fossilem Verkehr und fossiler Fern­energie – würde allein in der Bauphase 300 Gigatonnen Treibhausgase freisetzen. Damit wären drei Viertel des Restbudgets verbraucht, das mit einer 1,5-Grad-Erwärmung vereinbar wäre.

Wenn man sich vor Augen hält, dass China innerhalb des Dreijahreszeitraums 2011–2013 knapp 50 Prozent mehr Beton verbaut hat als die USA im gesamten 20. Jahrhundert (China: 6,6 Gigatonnen; USA: 4,5 Gigatonnen), dann wird die Dimension der Herausforderung deutlich. Es kommt also in erster Linie auf umfassende Szenarien zur Reduzierung von Emissionen in den städtischen Konglomeraten an – im Transport-, Logistik- und Mobilitätswesen und vor allem in der Bauwirtschaft.

Als Richtmaß unseres Tuns gilt folglich das Diktum des Exgeneralsekretärs der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon: »Städte sind die Orte, an denen der Kampf für nachhaltige Entwicklung gewonnen oder verloren wird.«

Das Primat der Wachstumsökonomie hat ausgedient

Die kollektive Verantwortung aller Staaten für unseren Planeten ist nicht verhandelbar – wohl aber das jeweilige Tempo und die Schrittfolgen bei der Bekämpfung des Klimawandels. Sie können von Staat zu Staat durchaus unterschiedlich sein, was einerseits dem Verursacherprinzip gerecht wird, andererseits der historisch unterschiedlichen Verantwortung für den Klimawandel Rechnung trägt. Mit der Formel »common but diffe­rentiated responsibility« (gemeinschaftliche, aber unterschiedliche Verantwortung) werden nicht nur diese Unterschiede zwischen Staaten und Gesellschaften anerkannt; dieses Rezept hat überhaupt erst den Klimaschutzkonsens von Paris ermöglicht. Angesichts der gegenwärtigen Grenzen des Multilateralismus – feststellbar an der vollkommenen Paralyse des UN-Sicherheitsrats – ist es bemerkenswert, wie leistungsfähig derzeit die UN-Klimarahmenkonvention ist. Sie ist derzeit womöglich einer der wenigen Handlungsrahmen, auf den sich die ansonsten von starken Spannungen ge-kennzeichnete Weltgemeinschaft einlässt. So hat sie in weniger als elf Monaten das Paris-Pro­to­koll in Kraft gesetzt und damit deutlich vor dem Ablauf des Kyoto-Protokolls ein Instrument zur Bekämpfung des globalen Klimawandels geschaffen.

Zufall? Glückliche Fügung? Ein Kabinettstück des französischen Chefunterhändlers Laurent Fabius?

Wenngleich all diese Faktoren eine Rolle gespielt haben, waren es vor allem diplomatisches Kalkül und die Einsicht, dass fortgesetzter Eskapismus den Klimawandel nicht aufhalten wird.

Beispiel China: War das Reich der Mitte bei der Weltklimakonferenz von Kopenhagen noch maßgeblicher Bremser, ist Peking nun einer der wichtigsten Schrittmacher im Kampf gegen den Klimawandel. Zu groß sind die Umweltprobleme in den Metropolregionen des Landes, als dass die chinesische Führung davor die Augen verschließen könnte. Abgesehen von Delhi ist die Luftqualität nirgends schlechter als im Megastädtegürtel entlang der Ostküste Chinas. Smog, Feinstaubbelastung und die Folgen des Klimawandels – wie die zunehmenden Sandstürme über Peking – sind die Kehrseite einer Economy-first-Politik, die nun an ihre Grenzen stößt.

Nicht, dass die Umweltverschmutzung und der Klimawandel für das Regime zum Stabilitätsrisiko zu werden drohen. Die Formel »Erst Wachstum, dann Nachhaltigkeit« geht vor allem ökonomisch nicht auf – im heutigen China ebenso wenig wie seinerzeit an Rhein und Ruhr. Umweltdegradierung und Gesundheitsschäden fressen schon heute rund ein Viertel des chinesischen Wirtschaftswachstums auf. Immer deutlicher wird: Der von ökonomischen Überlegungen getriebenen Globalisierung fehlt die soziale Einhegung wie auch die ökologische Einbettung.

Allmählich setzt sich auch in den nachholenden Volkswirtschaften Asiens die Einsicht durch, dass sich Lebensqualität nicht allein in ökonomischen Bemessungsgrößen wie dem Bruttoinlandsprodukt, Börsenkursen oder Handelsbilanzen bestimmen lässt. Und so hat die Diskussion um »Beyond GDP«, »Quality of Life« und »Gross National Happiness« auch die wachstumsstarken Transforma­tions­­­länder Asiens erreicht. 


Nach dem Amtsantritt Donald Trumps in den USA ist ein Politikwechsel beim Klimaschutz absehbar.

Achim Steiner

Es ist nicht ausgeschlossen, dass der notwendige Impuls für ein »Primat der Nachhaltigkeit« von Asien ausgeht – den buddhistisch geprägten Gesellschaften, die seit Jahrhunderten dem Credo einer harmonischen und sich im Gleichgewicht befindlichen Gesellschaft folgen.

Die Zeit ist jedenfalls reif für diesen Paradigmenwechsel. Und viele Anzeichen deuten auf einen internationalen Rollenwechsel hin: Nach dem Amtsantritt Donald Trumps in den USA ist ein Politikwechsel beim Klimaschutz absehbar, durch die Schwäche der EU ist die Führungsrolle der Union in der Klimapolitik infrage gestellt, und sämtliche globalen Trends deuten auf eine Relativierung westlicher Prädominanz in den internationalen Beziehungen hin. 

Deutschland hat eine besondere Verantwortung

Höchste Zeit also, diese Veränderungen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch mit handlungsstarken Allianzen zu unterfüttern. Doch wie sähe eine solch neue Allianz aus? Und welche Staaten wären ihre Protagonisten? Nur wenige Ländern haben bislang von der Globalisierung so sehr profitiert wie Deutschland. Sein Wohlstandsmodell basiert auf dem steten Fluss von Waren, Dienstleistungen, Kapital, Ideen und Menschen. Abhängig ist Deutschland vor allem vom Import strategischer Ressourcen – energe­tische Rohstoffe wie Steinkohle, Erdgas und Erdöl, aber auch Sel­tene Erden, Erze und Metalle. Nur so kann es seine Innovations- und Exportstärke aufrechterhalten und die Welt von qualitativ hochwertigen Produkten aus Deutschland profitieren. Dazu gehören seit vielen Jahren nicht zuletzt Hightechgüter aus dem Maschinen- und Anlagenbau (unter anderem zur Produktion von Wind- und Solarenergie).

Die Kehrseite: Obwohl Deutschland nur an 17. Stelle der Weltbevölkerungsstatistik steht, ist es der zehntgrößte Pro-Kopf-Emittent von Treibhaus­gasen. Das hat einerseits natürlich mit seiner intensiven industriellen Produktion und Veredelung von Rohstoffen zu tun, andererseits aber mit einem hohen individuellen Konsum und Lebensstandard; in Deutschland wird die Hälfte aller klimaschädlichen Emissionen durch private Haushalte verursacht – knapp neun Tonnen CO2 pro Person und Jahr.

Doch dieser überbordende Konsum lässt die planetarischen Grenzen außer Acht. Schon heute lassen sich vielerorts Umweltveränderungen beobachten, die unmittelbare Folge dieses Lebensstils sind und die spätestens zur Mitte des Jahrhunderts massiv spürbar werden. Zunächst als direkte Folgen des Klimawandels: grassierender Wassermangel, Anstieg der Meeresspiegel, Versalzung von Flussdeltas und küstennaher Landstriche, Ausbreitung von Wüsten, Schwund nährreicher Böden, von Fauna und Flora. Schließlich die in­direkten Folgen der Zerstörung unserer Habitate: soziale Konflikte um knappe Ressourcen, scheiternde Staaten, Migrationswellen, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Instabilität.

»Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann muss sich alles verändern« (Giuseppe Tomasi di Lampedusa). Möchten wir unseren Wohlstand bewahren, ohne auf Kosten anderer Gesellschaften oder nachfolgender Generationen zu leben, dann genügt es nicht, unser Energiesystem von Grund auf zu verändern. Dann müssen wir unser gesamtes Wirtschaftssystem hinterfragen.

Deutsch-chinesische Allianz für Nachhaltigkeit

Ein Land wie Deutschland, das so sehr auf die dauerhafte Verfügbarkeit von Rohstoffen und den Zugang zu wachsenden Märkten angewiesen ist, das wie wenige andere von der Globalisierung profitiert und einen bedeutenden Teil seines volkswirtschaftlichen Modells darauf ausgerichtet hat, sollte seinen außenpolitischen Einfluss stärker nutzen, um eigene Interessen geltend zu machen und zugleich seiner globalen Verantwortung gerecht zu werden.

Freie Weltmärkte, die Gestaltung einer an der »Agenda 2030« orientierten Global Economic Governance, der Kampf gegen den Klimawandel, die nachhaltige Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen berühren den Kern unserer langfristigen Wirtschaftsinteressen. Möglichst rasch und in globalem Maßstab einer »Green Economy Transformation« zum Erfolg zu verhelfen ist eine notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung unserer eigenen volkswirtschaftlichen Basis, unseres Wohlstands, unserer Lebensform und letztlich unseres sozialen Friedens.

Deutschland muss bei Dekarbonisierung führen

Aus diesem Grunde muss Deutschland eine Führungsrolle bei der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft spielen. Diese große Transformation wird unsere derzeitigen – auf dem Verbrauch fossiler Ressourcen basierenden – Volkswirtschaften zu kreislaufwirtschaftlichen, ressourceneffizienten und CO2-neutralen Wertschöpfungsketten verändern. Die größte Herausforderung wird dabei sein, die berechtigten Versorgungs- und Konsumerwartungen einer rapide wachsenden Weltbevölkerung vom Verbrauch natürlicher Rohstoffe zu entkoppeln, der schon heute die Regenerationszyklen der Biosphäre überschreitet.

Die Formel »Erst Wachstum, dann Nachhaltigkeit« geht vor allem ökonomisch nicht auf – im heutigen China ebenso wenig wie seinerzeit an Rhein und Ruhr.

Achim Steiner

Entscheidend ist dabei das Bewusstsein, dass wir in einer Welt endlicher Ressourcen und begrenzten Raums Gesellschaftsverträge auf Gegenseitigkeit schließen müssen – in unseren Gesellschaften und zwischen den Nationen. Im Klartext bedeutet das: Ohne ­massive finanzielle und technologische Transferleistungen für die großen Schwellenländer sowie die sich stark entwickelnden 50 bis 60 middle ­income-Länder wird diese Aufgabe kaum zu bewältigen sein.

Hierzu hat die Bundesregierung zusammen mit anderen Industrie- und Entwicklungsländern sowie den Vereinten Nationen und der Weltbank eine sogenannte Globale Partnerschaft zur Um­setzung der nationalen Klimabeiträge initiiert. Ziel der Partnerschaft ist es, Regierungen der Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, Klima- und Entwicklungsziele zusammenzuführen und mithilfe bi- und multilateraler Geberprogramme koordiniert umzusetzen.

Gerade in Entwicklungsländern ist die Reputation und die Akzeptanz Deutschlands enorm: Nicht nur, dass es kaum koloniale Erblasten trägt; aufgrund seiner jahrzehntelangen eigenen Erfahrungen in der »Green Economy Transformation« und als Initiator des Kreislaufwirtschaftsmodells verfügt Deutschland über einen Erfahrungsschatz (Politikdesign, Technologie-Know-how, Finanzierungsmodelle) wie keine andere große Industrienation.

Aber nur, wenn der Erfahrungstransfer von Deutschland zu den wachsenden Volkswirtschaften vor allem in Asien gelingt, wenn Deutschland zur Entwicklung passgenauer Transfermodelle in unseren Partnerländern beiträgt und Deutschland bereit ist, ambitionierte und bisher vernachlässigte Nachhaltigkeitstransformationen (zum Beispiel im Mobilitätssektor) im eigenen Land durchzuführen, kann die Vorreiterrolle Deutschlands gelingen. Diese Kombination aus nationalen Transformationsprozessen und internationaler Kooperation ist der Schlüssel, damit Deutschland zu einer Gestaltungskraft globaler Nachhaltigkeitspolitik werden kann.

Deutschland tut aber gut daran, dies nicht im Alleingang zu tun, sondern sich starke Partner zu suchen. Die G20-Präsidentschaft Deutschlands im Jahr 2017 schafft eine günstige Gelegenheit. So wie die Dinge beim Klimaschutz liegen, scheint vor allem eine Konstellation vielversprechend: eine deutsch-chinesische Doppelspitze. Von den beiden europäisch-asiatischen Vorreitern im Kampf gegen den Klimawandel könnte das lang ersehnte Signal für die so dringend benötigte »Green Economy Transformation« ausgehen und damit ein wichtiges Signal auf dem Weg zum »Primat der Nachhaltigkeit«.