Für die Bekämpfung von Armut brauchen wir menschenwürdige Arbeit weltweit

Von Dr. Bärbel Kofler

Soziale Gerechtigkeit als eine der großen Herausforderungen der heutigen Zeit lässt sich nicht mehr von Nationalstaaten allein lösen, sondern bedarf gemeinsamer Initiativen und Konzepte der Weltgemeinschaft. Die Teilhabe von Entwicklungs- und Schwellenländern an globalen Wertschöpfungsketten in einem vernetzten und komplexen Weltwirtschaftssystem hat durch die steigende Integration nationaler Ökonomien zugenommen. 

Die Verlagerung von Produktionsprozessen in den globalen Süden geht jedoch häufig einher mit der Ausbeutung von Menschen und wirtschaftlichem Wachstum auf Kosten von Menschenrechten. Innerhalb der globalen Produktionsnetzwerke liegt heute eine große wirtschaftliche und somit auch politische Macht bei transnationalen Unternehmen. Die Politik darf hier nicht aus der Verantwortung gelassen werden, sondern muss den internationalen Raum im Sinne einer sozialen und nachhaltigen Globalisierung gestalten. 

Die Politik muss ihrer internationalen Ver­antwortung für menschenwürdige Arbeits­bedingungen gerecht werden und Globa­lisierung gemeinsam mit der Wirtschaft sozial und nachhaltig gestalten.

Dr. Bärbel Kofler

Entscheidend für die Bewältigung dieser Herausforderung ist es, menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Menschen weltweit zu schaffen, etwa durch existenzsichernde Löhne, höheren Arbeitsschutz und die Stärkung von Gewerkschaften. Ziel muss es dabei sein, Menschen neue Perspektiven zu bieten, zu einem nachhaltigeren breiten­wirk­samen Wachstum beizutragen und dadurch die Bekämpfung von Armut und den Abbau von sozialen Ungleichheiten voranzubringen. 

Ein wichtiger Schritt hinsichtlich der Frage, wie wir Globalisierung sozial gestalten können, war die Verabschiedung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte im Jahr 2011 durch den UN-Menschenrechtsrat. 

327 Millionen working poor weltweit

Brisant wird die Diskussion um die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, wenn man sich die globalen Entwicklungen im Bereich der Arbeit anschaut. Weltweit spricht die ILO von 327 Millionen working poor, die trotz Arbeit in extremer Armut leben, und über 900 Millionen Menschen, die von weniger als fünf US-Dollar am Tag leben und damit der Grenze von extremer Armut sehr nahe kommen. Jedes Jahr sterben mehr als zwei Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter durch Berufsunfälle und Berufskrankheiten, mehr als 313 Millionen Arbeitnehmende erleiden in diesem Zusammenhang Verletzungen. 

Menschenwürdige Arbeits­bedingungen für Menschen schaffen durch existenzsichernde Löhne, höheren Arbeitsschutz und die Stärkung von Gewerkschaften.

Dr. Bärbel Kofler

Laut ILO sind 453 Millionen Menschen in 40 Ländern in globale Lieferketten eingebunden. Wir tragen aufgrund unserer industriellen Produktion, die in viele Länder dieser Erde ausgelagert ist, und als Konsu­mierende eine Mitverantwortung für die vorherrschenden Standards und die Arbeitsbedingungen dieser Menschen. 

Unser Anspruch an eine soziale Gestaltung der Globalisierung

Gemäß dem Konzept der UN-Leitprinzipien müssen wir handeln, wenn wir unseren Anspruch an eine soziale Gestaltung der Globalisierung ernst nehmen. Unser Ziel muss es sein, in alle Handels-, Investitions- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen Regeln für eine verbindliche Einhaltung und Umsetzung menschenrechtlicher, ökologischer und sozialer Standards einzubeziehen. Das beinhaltet die ILO-Kernarbeitsnormen mit kon­­kreten Beschwerde-, Überprüfungs- und Sanktionsmechanismen und bedeutet, gewerkschaft­liche Rechte und Beteiligung voranzubringen. Ein wichtiger Schritt für Deutschland ist somit ein ambi­tionierter Nationaler Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte, der verbindliche Regelungen für die menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten vorsieht.

Wenn nationale und multinationale Unternehmen weltweit soziale, ökologische und menschenrechtliche Standards konsequent umsetzen, ist dies ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Lebens­situation vieler Millionen Menschen und schafft neue Perspektiven. Deutschland sollte hier seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren.