Entwicklungspolitik und Religionsfreiheit

Von Volker Kauder

Religion und Glaube sind wichtig für die Identität des Menschen, für Individuen wie für Gruppen. Zukunftsstudien zeigen, dass die Relevanz von Religionen weltweit sogar noch weiter zunehmen wird – der westlich geprägte Agnostizismus hingegen an Anziehungskraft verlieren wird. Glaube und Religion werden uns also auch im 21. Jahrhundert als prägende Faktoren begleiten. Für die Entwicklungspolitik bedeutet dies, dass sie – wie die Außenpolitik – ihr Handeln auch auf Religion ausrichten muss.

Im Jahr 2010 gaben beispielsweise 80 Prozent der christlichen Nigerianer an, dass die Religion für ihr Leben sehr wichtig sei – und sogar 93 Prozent der dortigen Muslime. In Tansania gaben je 95 Prozent der Muslime und Christen diese Antwort, in Mosambik waren es 85 Prozent der Christen und 94 Prozent der Muslime.

Damit die Religionen die friedliche Koexistenz neu entdecken, benötigen wir die politische Renaissance eines Menschenrechts, das zwischenzeitlich als altbacken in Verruf war: des Rechts auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit.

Volker Kauder

Wir müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Religion für die weitaus meis­- ten Menschen heute eine große Be­­­deutung besitzt, im Guten wie im Schlechten. Wäh­rend ihr Glaube Menschen auf der ganzen Welt eine seelische Heimat vermittelt, trägt er zwei­­­­fellos auch dazu bei, Unterschiede zu beto­n­- en und das Zusammenleben zu erschweren. 

Subtile Formen von Diskriminierung und Benachteiligung

Oft steht heute das Zusammenleben von Glau­bensgemeinschaften selbst dort, wo früher der Respekt Tradition hatte, infrage. Im Nahen Osten, in Ost­afrika, Südostasien und auf dem indischen Subkontinent herrscht ein enormer Druck, der aus einer Zunahme interreligiöser Spannungen entsteht, bis hin zu blutiger Gewalt. Im Alltag belasten oft subtilere Formen von Diskriminierung und Benachteiligung das Leben der Angehöri­- gen von Minderheitsreligionen. Vielfach werden ge­rade Christen Opfer von Diskriminierung oder ­Ver­folgung – auch wenn es letztlich keine Reli­-gion gibt, deren Angehörige überall unbehelligt leben können.

Wir müssen religiöse Diskriminierung und Verfolgung auch als Ausdruck und Ergebnis gezielter politischer Entscheidungen ernst nehmen. Zwar hört man immer wieder Stimmen, denen zufolge Religion nur als Fassade für materielle Verteilungskämpfe und andere soziale Auseinandersetzungen diene. Das greift nach meiner Erfahrung aus zahlreichen Reisen in Krisengebiete aber ­leider zu kurz. Umgekehrt steht es glücklicher­weise außer Frage, dass Religion auch eine ganz wesentliche Rolle bei der Vermittlung von Frieden und dem Ausgleich zwischen Kontrahenten ­zukommt. 

Unsere Entwicklungspolitik muss daher noch stärker auf den interreligiösen Dialog, aber auch auf die Ansprache der Glaubensgemeinschaften und der Gläubigen setzen.

Volker Kauder

Damit die Religionen die friedliche Koexistenz neu entdecken, benötigen wir die politische Re­naissance eines Menschenrechts, das zwischenzeitlich als altbacken in Verruf war. Das Recht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, das 1948 von den Vereinten Nationen als Artikel 18 in die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« ­aufgenommen wurde, ist alles andere als veraltet. Wenn wir diesem Freiheitsrecht mit all unse­­- ren Mitteln praktisch wieder seine Geltung verschaffen, dient dies nach meiner Überzeugung religiös Verfolgten am meisten. Natürlich ist die Bekenntnisfreiheit gleichzeitig eine entscheidende Voraussetzung für interreligiösen Frieden. Erst in der Hinnahme der Gleichberechtigung der persönlichen Bekenntnisse, des Rechts auf Glaubenswechsel, kann ein Zusammenleben in einer multireligiösen Welt gelingen. 

Zusammenleben in einer multireligiösen Welt

Unsere Entwicklungspolitik muss daher noch stärker auf den interreligiösen Dialog, aber auch auf die Ansprache der Glaubensgemeinschaften und der Gläubigen setzen. Das gilt umso mehr, da sich Entwicklungspolitik häufig in Ländern mit fragiler Staatlichkeit abspielt, in denen Religionsgemeinschaften Ordnungsfunktionen wahrnehmen, die in säkularen Gemeinschaften Staats­aufgabe sind. Wir müssen also die Religionen in die Pflicht nehmen – und lernen, sie dafür gezielt anzusprechen.