Eine geeinte Menschheit braucht Religion

Von Reinhard Kardinal Marx

Ist dies eine Hoch-Zeit der internationalen Zusammenarbeit? Macht sich die internationale Gemeinschaft auf den Weg, die großen Probleme (Massenarmut, Klimawandel, erzwungene Migration, Krieg und Gewalt) gemeinsam zu lösen? Immerhin: Bei der UN-Vollversammlung 2015 in New York haben sich die Staaten auf ein ambitioniertes Programm (»Agenda 2030«) verständigt, das die Weltlage grundlegend verbessern könnte. Auch die Klimakonferenz in Paris 2015 darf zu den Erfolgsgeschichten internationaler Kooperation gezählt werden. 

Autoritäre und nationalistische Bewegungen gewinnen überall auf dem Kontinent an Boden

Zugleich aber erleben wir das Anwachsen gänzlich gegenläufiger Trends. Gerade im Westen, jahrzehntelang der Anker eines kooperativen internationalen Systems, wird die Abwendung von den Prinzipien der Zusammenarbeit und geteilten Verantwortung populär. Im Angesicht der »Flüchtlingskrise« lassen einige Staaten Europas jeden Sinn für Solidarität (gegenüber Hilfesuchenden und gegenüber anderen Ländern) vermissen. 

Nur eine überzeugende, anziehende und inspirierende Perspektive, die zugleich getragen ist vom Verantwortungsbewusst­sein für alle Menschen, hilft. Die katholische Soziallehre bringt dies seit den 60er-Jahren auf den Begriff des Weltgemeinwohls.

Reinhard Kardinal Marx

Unter dem Banner der Wiedergewinnung von Souveränität hat Großbritannien erklärt, die Europäische Union zu verlassen. Autoritäre und nationalistische Bewegungen gewinnen überall auf dem Kontinent an Boden. In den USA zeigen sich ähnliche Phänomene. Der Präsidentschaftswahlkampf stand im Zeichen isolationistischer Emotionalisierung. Die Systeme internationaler Kooperation, ob bei Welthandel, Sicherheit oder humanitärer Hilfe, werden infrage gestellt. 

Hier zeigen sich tiefe Verunsicherung, Verängstigung und Überforderung in den Bevölkerungen. Sie beruhen, so darf man annehmen, auch auf den Erfahrungen der Finanzkrise 2008 und den in deren Folge eingetretenen ökonomisch-sozialen Zerwürfnissen. Die veränderte Grundbefindlichkeit hat auch mit dem im islamischen Gewand auftretenden Terror und mit der großen Zahl von Flüchtlingen zu tun, die von manchen als Gefährdung ihrer lebensweltlichen Stabilität und Gewissheiten empfunden werden. Das ideologische Gift, das sich infolge dieser Entwicklungen angesammelt hat, ist dem sozialpsychologischen und sozialkulturellen Haushalt unserer Gesellschaften nicht leicht zu entziehen. Was also hilft? Wohl nur eine über­zeugende, anziehende und inspirierende Perspektive, die zugleich getragen ist vom Verantwortungsbewusstsein für alle Menschen. 

Kirche ist keine »moralische Anstalt«, sondern ein auf der realis­tischen Einschätzung des Menschen beruhendes Hoffnungsprojekt.

Reinhard Kardinal Marx

Die katholische Sozial­lehre bringt dies seit den 60er-Jahren auf den Begriff des Weltgemeinwohls. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Vorstellung des Verzichts der ­reichen und mächtigen Länder zugunsten der armen Länder, auch wenn das Hintanstellen eigener und kurzfristiger Interessen durchaus immer wieder eingefordert werden muss. Im Vordergrund steht die verheißungsvolle Perspektive einer Menschheit, die sich immer mehr als Einheit begreift und so in der Lage ist, Fortschritte in Richtung auf größere Gerechtigkeit, stabileren Frieden und eine nachhaltige Bewirtschaftung unseres Planeten, des »gemeinsamen Hauses«, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika »Laudato si« schreibt, zu ­erzielen. 

Unser Planet, das »gemeinsame Haus«

Ich bin überzeugt: Die Belebung eines solchen menschheitlichen Projekts ist und bleibt auch auf Religion, nicht zuletzt auf das Zeugnis der christ­lichen Kirchen angewiesen. Deren Aufgabe liegt nicht darin, nur mit moralischen Appellen zu ­arbeiten, um die Menschen auf den rechten Weg zu zwingen. Kirche ist keine »moralische Anstalt«, sondern ein auf der realistischen Einschätzung des Menschen beruhendes Hoffnungsprojekt. Christen glauben an das »Reich Gottes«: eine Hoffnung für die Menschheit, die sie als Einheit versteht und niemanden ausschließt. Selbstgenügsamkeit in sozialen, kulturellen, ethnischen oder nationalen Loyalitäten ist damit nicht vereinbar. In allem Bemühen um Frieden, Befreiung und Gerechtigkeit erkennt der christliche Glaube Spuren dieses »Reiches«, zu dem alle berufen sind. Es bedarf dieser Traditionen und Quellen des Glaubens, um der gemeinsam verantworteten Zukunft der Menschheit Stärke und Tiefe zu verleihen.