Die Welt muss gemeinsam die große Transformation wagen

Von Bundespräsident a. D. Horst Köhler

Das Krisenkarussell der vergangenen Jahre hält die Politik in Atem. Auf die zunehmende Komplexität der globalen Herausforderungen reagieren nicht wenige mit aggressiver Abgrenzung und ­einem Rückzug ins Nationale. Zukunftsfähig sind solche Scheinlösungen nicht.

Sie ignorieren das offensichtlichste Merkmal unserer Zeit: die ökologische, ökonomische und ­soziale Interdependenz allen Geschehens auf der Erde, und damit die Verschränktheit des eigenen Schicksals mit dem der anderen. Diese gegen­­seiti­gen Abhängigkeiten be­kommen wir zu spüren bei ­Finanzkrisen, beim Terrorismus, bei Pandemien, beim Klimawandel, bei den Flüchtlingsbewegungen. Von den Auswirkungen ­dieser Probleme kann sich keiner dauerhaft abschotten. Ihre Ursachen – und damit auch ihre ­Lösungen – überschreiten nationale Grenzen.

Der Erfolg der großen Transfor­mation und die Ernsthaftigkeit der globalen Partnerschaft werden sich vor allem an der Zukunft Afrikas messen lassen müssen.

Bundespräsident a. D. Horst Köhler

Die politische Schlussfolgerung aus dieser Realität muss lauten: Kein Land der Welt, so reich und mächtig es auch sein mag, kann auf Dauer seinen Wohlstand erhalten, ohne auf die Perspektiven der anderen Länder Rücksicht zu nehmen. Daher müssen wir zu einem neuen Verständnis von ­nationalem Interesse finden, das sich im Kontext eines globalen Gemeinwohls definiert.

Entwicklung und Frieden sind untrennbar verbunden

Die Interdependenz zwingt uns zur Kooperation. Und sie macht die beiden großen Aufgaben des 21. Jahrhunderts zur Überlebensbedingung für die gesamte Menschheit: allen Menschen auf dieser Erde ein Leben in Würde zu ermöglichen und dabei die natürlichen Lebensgrundlagen des Planeten zu bewahren. 

Daran hängen Wohlstand und Sicherheit gerade in Europa. Denn auf Dauer wird es keinen Frieden geben, wenn große Teile der wachsenden Welt­bevölkerung in Perspektivlosigkeit verharren. 

Um beide Herausforderungen, die Bekämpfung der Armut und den Schutz des Planeten, zusammen zu erreichen, also nicht nur das eine auf Kosten des anderen, ist eine neue große Transformation unumgänglich. Das ist eine Aufgabe nicht nur für Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern auch und gerade für die Industrieländer.

Ein neues Narrativ der Kooperation

Die gute Nachricht ist, dass es mit der »Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung« und dem Pariser Klimaabkommen nun einen globalen Konsens über Ziele und Umfang dieser Transformation gibt. Beide Vereinbarungen sind eine strategische Alternative zur aktuellen Weltunordnung. Sie sind die Chance, den Krisen und Konflikten ein neues Narrativ entgegenzusetzen: die Alternative der globalen Partnerschaft, also der Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen und zum Wohle aller Nationen.

Die ›Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung‹ der Vereinten Nationen und das Pariser Klima­abkommen sind eine strategische Alternative zur heutigen Krisendynamik und Weltunordnung. Wenn wir diese große Transformation wagen, werden wir auch den Frieden gewinnen.

Bundespräsident a. D. Horst Köhler

Der Erfolg der großen Transformation und die Ernsthaftigkeit der globalen Partnerschaft werden sich vor allem an der Zukunft Afrikas messen lassen müssen. Nirgendwo sind die Herausforderungen größer als auf unserem Nachbarkontinent: Dort ist der Anteil der extrem Armen am höchsten, dort sind die Folgen der Erderwärmung am gravierendsten, dort wächst die Bevölkerung am schnellsten. Der Kontinent braucht neue Schulen, Krankenhäuser, Energienetze und Eisenbahnen, er braucht Industrialisierung und eine Diversifizierung der Wirtschaft, um Perspektiven und ­Arbeitsplätze für seine junge Bevölkerung zu schaffen. 

Das kann nur gelingen, wenn die Politik die große Transformation jetzt kraftvoll angeht. Echte, langfristige Lösungen für die aktuelle Weltunordnung können nur in einer Politik der Zugewandtheit zur Welt liegen. Das erfordert eine andere, ernstere, internationalere Wirtschaftspolitik, Handelspolitik, Umweltpolitik, Agrarpolitik, Ver­kehrspolitik, kurzum: eine Politik, die in ihrer Ge­samtheit eine neue internationale Friedens- und Entwicklungspolitik ist