Die Verbindung von ökono­- mischen und gesellschaftlichen Erfolgsmustern

Von Prof. Dr. Michael Hüther

Deutschland als ausgewachsene Mittelmacht zieht seine politische Stärke und seine Möglichkeit, international Einfluss zu nehmen, nicht mehr nur primär aus seiner ökonomischen Potenz, wie es für die alte Bundesrepublik weit über die Wiedervereinigung hinaus galt. Allerdings macht der Rückblick auf das letzte Jahrzehnt deutlich, dass wirtschaftliche Schwäche und Stärke international gleichermaßen zur Belastung werden können. Wurde vor zehn Jahren der »kranke Mann Europas« besorgt belächelt, so wird seit der Euro-­Schuldenkrise die dominante Ökonomie des Kontinents kritisch beäugt. Insbesondere der Vorwurf, Deutschland betreibe auf Basis künstlicher Arbeitskostenvorteile über den starken Export ­eine beggar thy neighbor-Politik, wiegt auf inter­nationalem Parkett schwer.


Die deutsche Politik wäre schlecht beraten, würde sie sich der weitverbreiteten kritischen Haltung des Auslands anschließen. Denn mit der Schwächung der eigenen Ökonomie gewinnt man letztlich nirgends Respekt, zumal die ­Erwartungen der Partner in Europa, aber auch in Übersee kaum zu erfüllen sind.

Prof. Dr. Michael Hüther

Die deutsche Politik ­wäre schlecht beraten, würde sie sich dieser weitverbreiteten kritischen Haltung des Auslands anschließen. Denn mit der Schwächung der eigenen Ökonomie gewinnt man letztlich nirgends Respekt, zumal die Erwartungen der Partner in Europa, aber auch in Übersee kaum zu erfüllen sind. Deutschlands Stärke wird gegenwärtig für Europa bedeutsam, in dem der lang anhaltende Beschäftigungsaufbau den privaten Konsum treibt und damit die Importnachfrage. Entwicklungspolitik als Teil der Außenpolitik gewinnt eine neue Qualität. Denn es könnte versucht werden, aus den hierzulande identifi­zierbaren ökonomischen Erfolgsmustern realistische Anknüpfungspunkte oder System­lösungen für andere abzuleiten.

Ein realistisches Verständnis vom Modell der deutschen Wirtschaft haben

Daraus folgt: Eine wirksame Außenpolitik mit den gewünschten internationalen, dadurch zugleich nationalen Sicherheitsfolgen erfordert einen konsistenten Identitätsanker im eigenen Land. Eine für Deutschland angesichts seiner auch wirtschaftlichen Größe unvermeidbar immer auch ökonomisch orientierte Außenpolitik muss ein realistisches Verständnis vom Modell der deutschen Wirtschaft haben. Der deutsche Industrie-Dienstleistungsverbund mit seiner hohen Netzwerkdichte, Anpassungsflexibilität, Kundenorientierung, Innovation und Kostentragfähigkeit stößt wegen seiner Alleinstellung international auf großes Interesse, ist aber gleichwohl erklärungsbedürftig. Mittels einer integrierten Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik lässt sich diese Herausfor­derung meistern – und für die Vorzüge des deutschen Modells werben.

Eine wirksame Außenpolitik mit den gewünschten internationalen Sicherheitsfolgen erfordert einen konsistenten Identitätsanker im eigenen Land.

Prof. Dr. Michael Hüther

Analog dem ökonomisch basierten Argument kann Deutschland gleichermaßen glaubwürdig aus seinem hohen Maß an zivilgesellschaftlicher Kultur international Wirkung entfalten. Demokratie als offene Gesellschaft im Sinne Karl ­Poppers zu verstehen, die ihren öffentlichen Raum auf zivile Weise im Miteinander von Bürgern, Politik und Unternehmen gestaltet und entwickelt, ist keine globale Selbstverständlichkeit. Doch demokratische und freiheitliche Gesellschaften sind ihrem Wesen nach ohne inklusives bürgerschaft­liches Engagement nicht länger vorstellbar.

Werte haben per se noch keine identitätsstiftende Wirkung 

Deutsche Außenpolitik, die eine solchermaßen integrierte Sicht zugrunde legt, Bürgergesellschaft mobilisiert und adressiert, ist glaubwürdig und wirksam zugleich. Wer über außenpolitische Orientierung nachdenkt, wird bald mit der Frage nach der Überzeugungskraft westlicher Werte konfrontiert. Sie ist einfach zu beantworten: Allein damit wird noch nichts bewegt, weil abstrakte Bezüge per se in säkularen Gesellschaften noch keine iden­titätsstiftende Wirkung haben. Dies spricht dafür, den Hebel andernorts – in den ökonomischen und gesellschaftlichen Erfolgsmustern – zu suchen. ­Zumal mit dem Modell der sozialen Marktwirtschaft Unternehmertum und zivilgesellschaftliche Verantwortung – wie in der Sozialpartnerschaft – ­traditionell Hand in Hand gehen.