Die Krise zum Wendepunkt machen

Von Michael Brand

Seit dem Jahr 2000 hat sich der Bedarf an humanitärer Hilfe innerhalb kürzester Zeit von rund zwei Milliarden US-Dollar mehr als verzehnfacht, auf heute über 20 Milliarden. Nie gab es mehr Menschen, die Hilfe zum Über­leben brauchen: Waren es vor zehn Jahren 30 Millionen Menschen, sind es heute mehr als 125 Millionen. Über 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten ­Weltkrieg nicht mehr. Hinter den nackten Zahlen verbirgt sich das bittere Schicksal von Kindern, Frauen, Männern – ein Ende bib­lischen Ausmaßes. Angesichts zahlreicher, vor allem auch lang anhaltender Krisen und Katastrophen verzeichnen wir einen stark anwachsenden Bedarf bei der Finanzierung humanitärer Hilfe.

Nichts weniger als ein Paradigmenwechsel

Beim Umgang mit diesen Katastrophen geht es um nichts weniger als einen Paradigmenwechsel. Die Perspektive der humanitären Hilfe muss sich künftig noch viel stärker verändern: von einer rein reaktiven Hilfeleistung nach einer Krise zu einem vorausschauenden Handeln zur Vermeidung von Krisen.

Die Perspektive der humanitären Hilfe muss sich künftig noch viel stärker verändern – von einer rein reaktiven Hilfeleistung nach einer Krise zu einem vorausschauenden Handeln zur Vermeidung von Krisen.

Michael Brand

Über 170 Staaten und 600 NGOs sind dem Ruf des UN-Generalsekretärs 2016 zum 1. Humanitären Weltgipfel nach Istanbul gefolgt. Deutschland war hochrangig vertreten. Dass die erste Reihe an­derer europäischer Regierungen ebenso durch Abwesenheit geglänzt hat wie die Vetomächte, ist kurzsichtig.

Die Initiative zum Weltgipfel hat einen dringend notwendigen Prozess der Veränderung in einer sich dynamisch verändernden Welt angestoßen. 

Gelöst ist nichts. Venro, der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtre­gie­rungs­orga­nisationen e. V., hat recht: Das humanitäre System ist in seiner derzeitigen Struktur den gewaltigen Herausforderungen nicht gewachsen. Es ist unterfinanziert, agiert zu schwerfällig und zentra­lisiert. Wir brauchen deshalb eine stärkere Dezentralisierung und Loka­lisierung humanitärer Hilfe. 

Und was soll eigentlich noch an Katastrophen ­passieren, dass nach großspurigen Ankündigungen auf internationalen Geberkonferenzen auch das zugesagte Geld da ankommt, wo die Hilfe am nötigsten ist? Der Humanitäre Weltgipfel muss zum Ausgangspunkt für eine konkrete und umfassende Re­form des humanitären Systems genutzt werden! Wir alle müssen die Krise zum Wendepunkt machen – die Ursachen nicht länger ignorieren. 

Und was soll eigentlich noch an Katastrophen passieren, dass nach großspurigen Ankündigungen auf internationalen Geber­­konferenzen auch das zugesagte Geld da ankommt, wo die Hilfe am Nötigsten ist?

Michael Brand

Humanitäre Hilfe darf auch nicht zum Alibi verkommen für die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft, Krisen und Konflikte zu lösen.

Keine verlorene Generation akzeptieren

Und niemand sollte unterschätzen, wie groß die Chancen sind, etwas zu bewirken, wenn die Ur­sachen für Armut, Perspektivlosigkeit und Flucht aktiv, rechtzeitig und mit den richtigen Mitteln ­bekämpft werden. Der globale Bildungsfonds für Kinderflüchtlinge ist ein wichtiger Start. Eine verlorene Generation dürfen wir einfach nicht akzeptieren. 

In Istanbul hat es über 1000 Selbstverpflichtungen gegeben. Versprochen wurde genug. Es braucht dringend einen Überprüfungsmechanismus, ein internationales Monitoringsystem mit Berichtspflichten. Und es braucht Umsetzung mit Tempo:

1. Es braucht mehr Geld und bessere Organisation, Qualität, Effizienz.

2. Raus aus dem permanenten Krisenmodus und hin zu einer vorausschauenden Hilfe, die auch neue Akteure wie die Privatwirtschaft einbindet.

3. Gerade diejenigen, die die Hilfe am Nötigsten brauchen, erreicht sie oftmals nicht. Ich denke an die Menschen in Syrien, im Jemen oder im Süd­sudan. Wenn aus Worten Taten werden, kann das humanitäre System globale Risiken abbauen – sonst wird der Preis bitter hoch. Auch Deutschland wird das stärker fordern als bislang.