Die gewachsene Verantwortung annehmen und ausfüllen

Deutschland sollte sich als Ganzes stärker zu seiner gewachsenen internationalen Verantwortung bekennen und diese auf Basis unserer Werte in gemeinsamer Haltung von Bürgern, Unternehmen und Politik annehmen und ausfüllen.

Unser Land ist weltweit anerkannt als verläss­licher Partner, der für eine regelbasierte internationale Ordnung steht und dessen Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik wertebasiert ist. Als Mitglied der Europäischen Union, der Vereinten Nationen, zahlreicher bedeutsamer internationaler Verträge und nicht zuletzt als Mitglied des Verteidigungsbündnisses NATO steht Deutschland für die Werte einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft und friedliche internationale Kooperation durch stabile Institutionen. Deutschlands Handeln der letzten Jahrzehnte hat gezeigt: In einer eng vernetzten Weltgesellschaft geht es Deutschland nie zuerst um die eigenen Interessen als Nation, sondern um die Schaffung gemeinsamer Interessen als Grundlage einer Kultur internationaler Kooperation und weltweiten, fairen Interessensausgleichs. Deutschland geht es um die Interessen Europas als des großen Friedensprojekts, um die Einhaltung fundamentaler Menschenrechte, um die freie Meinung und die Entwicklung hin zu friedlichen demokratischen Strukturen. 

Selbstredend hat auch Deutschland eigene Interessen, aber wir versuchen sie einzubringen als ein Partner in multilateralen Prozessen. Wir bedrohen niemanden, sondern setzen auf die Kraft der Argumente und stehen für aktive Solidarität der Staaten, sei es in der Europäischen Union, im Austausch mit Partnern in aller Welt, in der Entwicklungszusammenarbeit, beim Klimaschutz oder in den vielen bewaffneten Konflikten unserer Zeit. 

Die öffentliche Diskussion in Deutschland ist geprägt durch Nachdenklichkeit und hohe moralische Ansprüche. Darauf dürfen wir stolz sein. Deutschland ist friedlich, aber es muss noch umfassender handlungsfähig werden und auch organisatorisch bereit sein, mehr Verantwortung zu übernehmen, wenn es für seine Werte einstehen will: durch Taten, die den Worten folgen, durch verantwortlichere Investitionen der Unternehmen, durch faire Diplomatie, noch ambitioniertere Entwicklungszusammenarbeit, im kulturellen und wissenschaftlichen Austausch, mit weiteren Ini­tiativen zur Stabilisierung des Planeten, bei der Rüstungskontrolle und der Abrüstung sowie – dort, wo Frieden und fundamentale Menschenrechte bedroht sind – durch sicherheitspolitisches Engagement und ständige Einsatzbereitschaft, gemeinsam mit Partnern und im Rahmen des Völkerrechts. 

Dabei gilt: Eine offene, multilaterale Weltordnung und ein starkes und geeintes Europa sind unverrückbare Orientierungen für Deutschland, und dies umso mehr, als »our country first«-Bewegungen und -Regierungen in den USA, Russland, Europa und anderen Teilen der Welt die internationale Kooperation zunehmend unterminieren. Wir sollten uns mit ganzer Kraft als die starke Gegenmacht zu den Renationalisierern (»our country first«) aufstellen und unsere Institutionen und unser globales Engagement neu ausrichten.