Dialog statt Vernetzung

Von Conrad Schetter

Die militärischen Interventionen in Kosovo, ­Afghanistan oder jüngst in Mali brachten immer wieder die Frage auf, weshalb humanitäre Helfer, Entwicklungsexperten, Polizisten und Soldaten, die im selben Land im Einsatz sind, wenig von­einander wissen und teilweise sogar gegenläufige Ziele verfolgen. Viele Politiker plädierten für ­einen vernetzten Ansatz oder comprehensive approach, für ein gemeinsames Engagement aus »einem Guss«, in dem alle Akteure an einem Strang ziehen.

Wessen Sicherheit und welche Art der Entwicklung ist gemeint?

In der Formel, dass Sicherheit und Entwicklung nur miteinander gehen, bemühten sich Politiker um eine rhetorische Annäherung. Doch gerade diese beiden Begriffe verdeutlichen, weshalb in der Praxis unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen. So muss stets gefragt werden, wessen Sicherheit und welche Art der Entwicklung gemeint ist. Wenn etwa – wie in Nordostafghanistan geschehen – die Bundeswehr zur Erhöhung ihrer eigenen Sicherheit Entwicklungsprojekte in einem Dorf fordert, werden die Akzente anders gesetzt, als wenn über entwicklungspolitische Programme zivilgesellschaftliche Gruppen in Gefahr gebracht werden. Noch schwieriger ist die Abstimmung von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aufgrund diametral entgegen­gesetzter Grundverständnisse: Humanitäre Hilfe ­­ ist unparteiisch und sichert allein das physische Überleben von Menschen ohne Ansehen der Person; Entwicklungszusammenarbeit ist per se politisch, da sie gesellschaftliche Verände­rungen ­anstoßen will.

Humanitäre Hilfe ist unparteiisch und sichert allein das physische Überleben von Menschen ohne Ansehen der Person; Entwicklungszusammenarbeit ist per se politisch, da sie gesellschaftliche Veränderungen anstoßen will.

Conrad Schetter

Es nimmt daher nicht Wunder, dass sich weder Entwicklungsexperten oder humanitäre Helfer noch Soldaten oder Polizisten der Logik des anderen aussetzen oder gar unterordnen wollen. Die Pers­pektiven auf die jeweilige Intervention sind mit gutem Grund unterschiedlich. ­Daher kann ­ es nicht darum gehen, gemeinsam Aufgaben oder »Projekte« zu entwickeln, die auf einem künstlich herbeigeführten Konsens beruhen, aber der eigenständigen ­Logik der Akteure zuwiderlaufen. Noch nicht einmal kann man erwarten, dass als sensible erach­tete Informationen ausgetauscht werden, da der Selbstschutz der verschiedenen Akteure höher eingeschätzt werden muss als die Effizienz der Verwendung von Steuergeldern. 

Die Weltsichten und Arbeitsweisen des anderen anerkennen und respektieren

Vor einigen Jahren machte die Politik den Fehler, Zusammenarbeit um jeden Preis einzufordern, ohne dass bei den beteiligten Akteuren überhaupt ein Verständnis für den anderen bestand. So muss auf der Ebene des Respekts angesetzt werden. Nach wie vor sind die Bilder des Entwicklungshelfers wie des Soldaten von Stereotypen behaftet. Es gilt, ein Verständnis für das Handeln des anderen zu gewinnen: So mag dem humanitären Helfer die Infrastruktur, die die Militärs benötigen, als unverhältnismäßig aufwendig und teuer erscheinen oder dem Soldaten das ein oder andere Entwicklungsprojekt als völlig überflüssig; aber es gilt, die Weltsichten und Arbeitsweisen des anderen anzuerkennen und zu respektieren. Es geht daher weit eher um offene Kommunikation und um den Austausch von Erwartungen – zwischen den Akteuren selbst, aber auch zwischen den Ministerien. Daher sollte ein dialogischer Ansatz, der von der Planung des Auslandseinsatzes bis hin zur Durchführung und Nachbereitung verläuft, institutionalisiert werden. Dagegen würde eine Forcierung der (unfreiwilligen) Zusammenarbeit direkt zum Primat der einen oder der anderen Logik führen, was mehr Gefahren als Chancen in sich bergen würde.