Deutschland muss Radikalität lernen

Von Prof. Dr. Günther Bachmann

Die Welt geht in eine Richtung, die sie nicht bestehen lässt. Die Nutzung endlicher Ressourcen ist endlich, aber die Kreislaufwirtschaft kommt weltweit zu wenig voran. Es gibt Fortschritte beim ­Klimaschutz, aber die Emissionen steigen. Es geht vielerorts weder fair noch gerecht zu, aber mo­derne Gesellschaften brauchen Vertrauen, das so nicht entstehen kann. Was wir tun, muss auch den kommenden Generationen nützlich sein, aber Zukunftsfähigkeit ist noch kaum der Maßstab, an dem sich die Rohstoff- und Finanzströme der Welt ausrichten. 

Die Rhetorik der Angst nimmt zu

Das Wissen hierum ist schon lange nicht mehr ­exklusiv. Es wird sogar an den Stammtischen geteilt. In der digital durchflossenen Welt sind die Stammtische überall. Klimawandel, Terrorismus, kriegerische Konflikte, Ressourcenarmut und ­ungleiche Chancen, Verlust der fiskalischen ­Hoheit: Die Rhetorik der Angst nimmt zu. Wo sie aufklärt und dem Menschen Chancen offenlegt, ist das gut. Wo sie ein- oder verschüchtert, ist das gefährlich. Dann droht die Flucht in autoritäre Scheinlösungen.

In der Außenpolitik spiegelt sich das Ungewisse. Das war nicht immer so. Westbindung und Sicherheitspolitik bestimmten den Stellenwert Deutschlands in den 60er-Jahren. In den 70er- und 80er- Jahren war dies die Entspannungspolitik. Die deutsche Einheit, und in ihrer Folge der Euro und die europäische Integration, lieferte den Rahmen für die 90er- und Nullerjahre. Heute fehlt ein solches Primat. Das Reden vom Zeitalter des Multilateralismus oder auch (wahlweise) vom ­Abstieg oder der Renaissance der Nation schrumpft zum läs­tigen Gemeinplatz. Jenseits der Gemeinplätze tut sich eine gewaltige Lücke auf. 

Die »Agenda 2030 für nach­haltige Entwicklung« mit ihren 17 globalen Nachhaltigkeits­zielen steht für das universale Anliegen der nachhaltigen Entwicklung.

Prof. Dr. Günther Bachmann

Es geht darum, die Gegenwart aus der Perspektive von kommenden Generationen zu sehen und zu bewerten. Pars pro Toto stehen die Energiewende, das nachhaltige Wirtschaften, die Ressourcen­produktivität, die soziale Nachhaltigkeit in Migra­tion und Bildung, das nachhaltige Bauen und der Ökolandbau für den radikalen Pfadwechsel. Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie organisiert die Selbstbindung der Politik an quantifizierte Ziele und Indikatoren. Das ist modernes Regieren. ­Weiter erfordert es eine bessere Vernetzung von Politik, den Verfassungsrang für Nachhaltigkeit und institutionelle Reformen. Aber auch das schon Erreichte lässt sich sehen. Die Radikalität dieser Transformationen muss zu dem neuen ­made in Germany werden. 

Die reale Nachhaltigkeitspolitik ist radikalvisionär

Außenpolitik muss realpolitisch agieren und hat keinen Platz für komplizierte Wunschbilder, so wird dem oft widersprochen. Komisch dann nur, dass sich die besten Politiker insbesondere durch visionäres Vordenken auszeichnen. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, ist soeben mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2016 ausgezeichnet worden. 

Die »Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung« mit ihren 17 globalen Nachhaltigkeitszielen steht für das universale Anliegen der nachhaltigen Entwicklung. Sie gilt weltweit und lässt Raum für ­nationale Anpassung. Die Staaten der Welt werden nicht mehr politisch nach Nord und Süd geteilt. Vielmehr gilt der individuelle Beitrag für das Gemeinwohl. Hier ist ein gemeinsamer Bezugs­rahmen geschaffen. Deutschland ist als Zukunftslabor gefordert.