Deutschland in den Augen der Welt: geschätzter und geforderter Partner

Von Sabine Tonscheidt

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat Menschen weltweit zu ihrem Deutschlandbild befragt. Zentrales Ergebnis: Deutschland ist hochge­achtet – doch es sollte sich international noch stärker einbringen.

»Zieht die größeren Schuhe an. Sie werden euch passen!« Diese Aufforderung eines Beobachters aus den USA – gerichtet an die Deutschen – bringt die Botschaft zweier jüngerer Studien auf den Punkt. Unter dem Titel »Deutschland in den Augen der Welt« befragte die GIZ dafür weltweit fast 300 Personen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu ihrem Deutschlandbild. Die Idee dahinter: »Wer Zukunft gestalten möchte, sollte den Blick von außen kennen«, so Christoph Beier, stellvertretender Vorstandssprecher der GIZ und Initiator der Studie. Die Teilnehmer der Studien »Deutschland in den Augen der Welt« vertraten ganz unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft. Sie kamen aus 34 Ländern auf vier Kontinenten, besonders viele von ihnen stammten aus Europa. 

Wer Zukunft gestalten will, sollte den Blick von außen kennen

Zentrale Aussage der Studien war die Forderung, die wirtschaftlich starke Bundesrepublik solle international mehr politische Verantwortung übernehmen. Weltweit erkennen Beobachter Deutschland inzwischen eine deutlich aktivere Rolle zu – es müsse dieser Rolle aber noch mehr gerecht werden, so ein häufig geäußerter Appell. Sein schwieriges historisches Erbe lassen die meisten Beobachter dabei nicht länger als Erklärung für das vielfach noch eher bedächtige Auftreten gelten. Gerade für die Zukunft Europas komme Deutschland als ökonomischem Motor der Region eine besondere Verantwortung zu. Vielen ist Deutschland noch zu wenig zuhörend, transparent und visionär, wenn es um die Gestaltung und Vermittlung politischer Positionen geht. Man wünscht sich das Land engagiert und beharrlich, verbindend und verbindlich – und von allem möglichst ein klein wenig mehr. Agieren mit Augenmaß, aber auch mit mehr Mut und Präsenz, scheint das Gebot der Stunde zu sein.

Ihre traditionelle militärische Zurückhaltung verpflichte die Bundesrepublik außerdem zu einem stärkeren Einsatz ihrer soft power, also der Einflussnahme ohne wirtschaftliche und militärische Druckmittel. Sie sei die Stärke deutscher Außenpolitik und erhält weltweit viel Anerkennung. Mit diplomatischem Geschick habe sich Deutschland denn auch in jüngeren politischen Krisen als führender Vermittler erwiesen. Als ausgleichender Partner könne es langfristig auch international eine Alternative und ein Gegengewicht zu den USA bilden.

International sieht man wenig von Deutschland, es ist nicht sehr entscheidungsfreudig. Deutschland agiert regional, aber nicht global.

Gesprächspartner aus Marokko

Das Vertrauen auf soft power und deutsche Argumente geht einher mit einem neuen und umfassenderen Verständnis von Sicherheitspolitik. Es stellt die Wahrung von Klima und Ressourcen auf eine Ebene mit der Prävention von gewaltsamen Konflikten. »Die Machtfaktoren der Zukunft sind nicht mehr Militär, Wirtschaftsmacht oder Währungspolitik. Es gibt andere Fragen der Sicherheit«, betont ein niederländischer Gesprächspartner. Dazu gehört etwa die Klimasicherheit: Künftig können Dürren und Überflutungen, das Vorenthalten von Wasservorräten sowie Land­raub noch schwerere Konflikte auslösen, als sie es heute schon tun. Deutschland, so der Eindruck der Studienteilnehmer, betone dieses umfassen­dere Sicherheitsverständnis bereits sehr konsequent. Mit einem noch entschiedeneren Auftreten auf der politischen Weltbühne wäre das Land zugleich sicht- und streitbarer. International besteht eine klare Offenheit für diese Rolle. 

Deutschland und seine Führungsrolle in Europa

Beide Studien der GIZ ergaben insgesamt eine »sehr hohe Wertschätzung gegenüber Deutschland und seinen Menschen«. Sie bestätigten damit eine quantitativ ausgelegte Erhebung der BBC aus dem Jahr 2013: Rund 26.000 Menschen in 25 Ländern waren nach ihrem Blick auf die Staaten der Europäischen Union und 16 weitere Länder befragt worden. Deutschland galt demnach als das beliebteste Land.

Die Machtfaktoren der Zukunft sind nicht mehr Militär, Wirtschaftsmacht oder Währungspolitik. Es gibt andere Fragen der Sicherheit. Dazu gehört etwa die Klimasicherheit.

Gesprächspartner aus den Niederlanden

Am Beispiel der Eurokrise zeigt sich allerdings, dass schon drei Jahre genügen, um in Teilen deutliche Verschiebungen im Deutschlandbild fest­zustellen. Noch bei der ersten Befragung 2012 hatten die Studienteilnehmer eine führende Rolle Deutschlands in Europa mehrheitlich begrüßt. Zwar warnten sie mitunter vor einer neuen Dominanz. Eine verhaltene Skepsis kam etwa in Stimmen wie dieser aus Spanien zum Ausdruck: »Deutschland sollte innerhalb der EU eine intelligente und konsensbildende Führung einnehmen, keine vormundschaftliche und übermächtige Position. Deutschland sollte Vertrauen schaffen und mit Überzeugung für eine integrierte EU eintreten.« Partnerschaftlich, dialogorientiert und im Geiste der europäischen Idee, so der Tenor, möge Deutschland agieren und nicht nur eigene Interessen verfolgen. Als Exportnation Nummer eins, die besonders stark von der europäischen Marktintegration profitiere, trage Deutschland auch eine besondere Verantwortung für die EU. 

Bei Erscheinen der zweiten Studie 2015 wird deutlich: Deutschlands Dominanz – zumindest in Europa – ist inzwischen als Realität anerkannt. Das Land sei der Motor und die Lokomotive Europas, der Fels in der Brandung, ein Leuchtturm – die von den Teilnehmern gewählten Metaphern mit Blick auf Deutschlands Rolle in der Region sind vielfältig. Die weithin große Anerkennung dafür, wie Deutschland die Finanzkrise gemeistert und Europa stabilisiert habe, gipfelt etwa in der Aussage, nur Deutschland »halte die EU zusammen«. Für einen Gesprächspartner aus Großbritannien ist die deutsche Führungsrolle in Europa unverzichtbar, auch wenn sich das eine oder andere Mitglied der EU oder der Eurozone benachteiligt fühlt: »Deutsche Führung in der Eurokrise hat mancherorts zu Verstimmungen geführt. Aber wenn man etwas in Europa bewegen will, dann braucht es Deutschland.« Ein anderer Teilnehmer sagt: »Deutschland muss durch Argumente zwischen den extremen Positionen innerhalb der EU vermitteln. Nur so kann die EU auf Augenhöhe mit anderen Machtzentren der Welt (China, USA, Russland) agieren.«

Die GIZ

Die Deutsche Gesellschaft für Internatio­­­na­le Zusammenarbeit (GIZ) berät zu nachhaltigen und wirksamen Lösungsan­sätzen für politische, wirtschaftliche und soziale Verän­derungsprozesse. Das Know-how der GIZ wird rund um den Globus nachgefragt – von der deutschen Bundesregierung, Institutionen der Europäischen Union, den Vereinten Nationen und Regierungen anderer Länder. Das Bundes­unternehmen hat mehr als 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist in mehr als 130 Ländern aktiv.

Viele Befragte begrüßen Deutschlands starkes Engagement in der Außenpolitik als »moderierende Macht«, die auf Dialog setzt. Der Ukrainekonflikt dient dafür als eindringliches Beispiel – Deutschland habe hier die Rolle des entscheidenden Vermittlers übernommen. Ein Teilnehmer aus Indonesien formuliert es so: »In Europa muss Deutschland nun seine neue Rolle spielen: Primus inter Pares. Der Ukrainekonflikt ist ein Lackmustest.« Was die Teilnehmer ebenfalls anerkennen: Im Ukrainekonflikt nutzte die deutsche Außenpolitik nicht nur ihre geschätzte soft power. Mit dem sogenannten Normandie-Format bezog sie auch Frankreich in die Verhandlungen mit Russland und der Ukraine ein. Sie handelte damit klug und wahrte die Balance, heißt es mehrfach. 

Bei allem Respekt für Deutschlands Rolle in Europa vermissen viele Beobachter jedoch überzeugende, tragfähige Visionen, die Europa in die Zukunft führen könnten. Weiß Deutschland eigentlich immer genau, was und wohin es will? Welche Ideen hat es, um den Zusammenhalt in Europa zu stärken? »Deutschland hat vermutlich eine klare Vision bezüglich Europa«, sagt ein Studienteilnehmer, »benennen kann es sie aber nicht.« Ein anderer fordert: »Deutschland sollte die Vision, wo wir hingehen, deutlicher artikulieren und ein positives Zukunftsbild zeichnen.«

Viele Menschen wünschen sich, Deutsch­la­nd möge eine neue und größere globale Verant­wortung übernehmen. Eine, die seiner tatsäch­lichen Stärke gerecht wird. Doch das geht nur mit einer besseren Kommu­nikation deutscher Politik und Interessen und einer besseren ­Vermarktung deutscher Fähigkeiten und Leistungen.

Sabine Tonscheidt

Ruf nach mehr internationaler Verantwortung

Beruht dieser Mangel an visionärer Gestaltungskraft auf der Risikoscheu, die den Deutschen ebenfalls nachgesagt wird? Seine notorische Zurückhaltung – so sieht es offenbar mancher in der Welt – hindere Deutschland auch daran, mutige Innovationen zu wagen. Das wiederum beeinträchtige die Zukunftsfähigkeit des Landes. Statt der Ängste vor deutscher Dominanz überwiegen nunmehr die Erwartungen und Forderungen an den immer noch zögerlichen Hegemon. Auch in den europäischen Nachbarländern Deutschlands wird eine starke Stellung des Landes auf der globalen Bühne als notwendig erachtet. 

Die Welt braucht eine aufgeklärte Weltmacht. Deutschland ist aufgeklärt, aber nicht energisch genug, seine Meinung zu verbreiten.

Gesprächspartner aus Großbritannien

Seine unbestrittene ökonomische Potenz habe Deutschland sich durch Leistung erarbeitet, sagen viele Beobachter von außerhalb. Das Land werde dafür weltweit bewundert. Dem entspreche aber nicht die politische Verantwortung, die Deutschland übernehme: »Deutschland exportiert am meisten und führt politisch international am wenigsten«, so ein Gesprächspartner. Dieses mangelnde Gleichgewicht trifft auf Unverständnis. Ein Teilnehmer sagt: »Durch seine Wirtschaftskraft verschafft sich Deutschland Legitimität in der Politik.« Das klingt fast so, als sei die Legitimität, mit der ein Staat eine politische Führungsrolle beansprucht, von seiner wirtschaftlichen Potenz abhängig. Es werden jedoch auch andere Voraussetzungen genannt, vor allem das Vertrauen der anderen. Ein Beobachter aus Indien ist sich sicher: »Deutschland genießt das Vertrauen auf der Welt, eine größere Rolle zu spielen – zum Nutzen aller Menschen.« Damit bringt er zum Ausdruck, was vielfach zu hören war: Deutschlands Stärke und Leistungsfähigkeit muss auch anderen nutzen. Wann immer sich das Land international engagiere, ob in humanitären Krisen oder wirtschaft­lichen Konfliktlagen, ob bei übergreifenden Inno­vationsthemen oder zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung: Im Ausland will man, dass dies nicht nur – berechtigtem – Eigeninteresse dient, sondern dass auch andere davon profitieren.

Das Thema »Deutschlands neue Verantwortung« kam in fast sämtlichen Gesprächen mit Studienteilnehmern – direkt oder indirekt – zur Sprache. Viele Aussagen umkreisen die Frage nach den Pflichten, die sich aus der Rolle Deutschlands in der Welt ergeben. Die Übergänge zwischen spezifischen Erwartungen der Befragten – wie denen zu mehr Kulturaustausch, Wissenstransfer oder Studienplätzen – und dem Wunsch oder der Aufforderung, dass Deutschland international mehr politische Verantwortung übernehmen möge, sind dabei fließend.

Doch warum, fragen sich zahlreiche Interview­partner, zögert Deutschland nach wie vor, die ihm gemäße politische Führungsrolle einzunehmen? Eine einfache Begründung aus Mexiko lautet: »Deutschland ist eine aufstrebende Macht, die an diese Macht noch nicht gewöhnt ist und diese Rolle noch erlernen muss.« Um die deutsche Zurück­haltung auf der weltpolitischen Bühne zu erklären, nehmen die meisten Gesprächspartner Bezug auf die Geschichte des Landes und auf die Lehren, die es daraus gezogen hat. Dazu gehört das poli­tische Selbstverständnis, in Europa fest verankert zu sein und nur gemeinsam mit den europäischen Partnern handeln zu können. Deutsche Allein­gänge, die die Gefahr eines »Sonderweges« heraufbeschwören, sind in Europa auch weiterhin unbeliebt, wie die Studie zeigt. 

In anderen Weltregionen hingegen nimmt man das historische Erbe Deutschlands als weniger belastend wahr. Wiederholt ist in den GIZ-Studien der Rat zu hören, die Vergangenheit endlich auf sich beruhen zu lassen – und dieser Rat wird immer ungeduldiger vorgebracht. Nunmehr geht der Ruf nach einem Ende der intensiven Selbstrefle­xion vielfach einher mit der Aufforderung, mehr Einsatz zu zeigen: »Die Zeiten für Entschuldigungen sind vorbei. Es ist an der Zeit, dass Deutschland handelt.« Mutig Lasten mittragen statt zuschauen – so lautet die von Deutschland geforderte Haltung. Eine Stimme aus dem Iran bleibt dennoch skeptisch: »Deutschland ist wegen seiner Vergangenheit zu befangen, um sich für friedliche Lösungen auch militärisch in Konflikten zu engagieren.«

Intensiver Blick auf Deutschland – und die Deutschen

Neben der internationalen politischen Rolle Deutschlands kamen in den Studien auch zahlreiche weitere Themen zur Sprache: Es ging beispielsweise um Wissenschaft und Forschung, Migration und Integration oder um die Wahrnehmung »typisch deutscher Eigenschaften«. Das Ergebnis zu letzterem Punkt ist für die Deutschen nicht unbedingt schmeichelhaft. Mangelnde Lockerheit und Spontaneität wurden hier ebenso genannt wie weitere klischeehafte Zuschreibungen, die die Befragten gerne mit Anekdoten und freundlichem Humor illus­trierten. Auch gab es kritische Anmerkungen zu Strenge, Schubladendenken und einem Hang zur Belehrung. Hohen Respekt äußerten die Teilnehmer dagegen für die technischen und wirtschaftlichen Leistungen der Deutschen. 

Viele Gesprächspartner verwiesen auf Patente und Ingenieurs­kunst, das Qualitätsmerkmal made in Germany und mittelständische Unternehmen als Weltmarktführer. In der Forschung stehe Deutschland allerdings mehr für die »gründliche Durchdringung« denn für innovative Sprünge. Daher kam bei vielen der Eindruck auf, Deutschland habe die Potenziale des digitalen Wandels verschlafen. Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und soziale Marktwirtschaft lobten sie ebenfalls als vorbildlich – genauso wie deutsches Engagement bei der nachhaltigen Entwicklung. Dieses geschehe nicht aufgrund von internationalem Druck, sondern »aus tiefster Überzeugung« und sei vor allem eines: handlungsorientiert.

Das Thema Militär sticht besonders aus den Interviews hervor. Die vielen verschiedenen Äuße­rungen zeichnen ein widersprüchliches Bild deutscher Außen-, Sicherheits- und Verteidigungs­politik. Einerseits würdigen Gesprächspartner positiv, dass Deutschland in jahrzehntelang ge­übter Praxis auf Diplomatie statt auf Waffen setzt. Andererseits kritisieren sie, dass Deutschland zu den größten Waffenexporteuren zählt und damit Kriege ermöglicht und von ihnen profitiert. Dieser für etliche Gesprächspartner eklatante Widerspruch, den sie als »Doppelmoral« ablehnen, wird in ihren Augen noch dadurch unterstrichen, dass das deutsche Militär selbst schlecht aus­gerüstet und damit nur begrenzt einsatzfähig ist. Immerhin gibt es ein intensives Engagement bei Friedensmissionen der UN und der Nato: Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren so viele deutsche Soldaten im Auslandseinsatz wie heute. Dass Deutschland zudem bereit ist, den im Nord­irak gegen die Terrororganisation »Islamischer Staat« kämpfenden kurdischen Peschmerga Waffen zur Verfügung zu stellen und sie auszubilden, kommentieren einige Teilnehmer ebenfalls positiv. Der Einsatz militärischer Mittel ist aus Sicht der Befragten punktuell also durchaus notwendig. Ein damit einhergehender Realismus, was ein derartiges Engagement bedeute, aber auch: »Mit zunehmender Macht, Einfluss und Rolle in der Welt wird auch Deutschland Unmut auf sich ziehen«, ist ein US-Amerikaner überzeugt.

Deutschland und die Bundesregierung stehen also aus internationaler Sicht für eine vermittelnde Politik, die immerzu bestrebt ist, alle Konfliktparteien zusammenzubringen. Wie sich mehrfach andeutet, sehen manche Beobachter Deutschland gar als mögliches künftiges Gegengewicht zum Hegemon USA. Ein Gesprächspartner aus Tansania formuliert es so: »Deutschland hat der Welt gezeigt, dass es auf internationalem Parkett eine Alternative zu den USA gibt. Es ist das einzige Land, das den USA zeigen kann, dass es statt Gewalt auch andere Möglichkeiten (der Einflussnahme) gibt.« Man traut Deutschland offenbar zu, in den internationalen Beziehungen eher neutral und ausgleichend aufzutreten – und doch die Autorität zu besitzen, die für eine Führungsrolle nötig ist. Kein Wunder, dass sein Streben nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wohlwollend unterstützt wird. Viele Teilnehmer wünschen sich eine stärkere deutsche Präsenz in multilateralen Organisationen. Sie hoffen dadurch nicht zuletzt auf besseres Gehör für die Anliegen und Sorgen ihrer eigenen Länder. 

Die Zeiten für Entschuldigungen sind vorbei. Es ist an der Zeit, dass Deutschland handelt. Mutig Lasten mittragen statt zuschauen – so lautet die von Deutschland geforderte Haltung.

Sabine Tonscheidt

Auch in der internationalen Zusammenarbeit, ob bi- oder multilateral, gilt Deutschland gemeinhin als kompetenter, verantwortungsbewusster, verlässlicher und daher sehr geschätzter Partner. Das betonen und wiederholen fast alle Befragten. Deutsche Experten, so heißt es, gehen im positiven Sinne systematisch und planvoll vor, orientieren sich klar an Verfahrensregeln und Standards und verhalten sich kooperativ. Gleichwohl bemängeln einige Gesprächspartner einen gewissen Hang zu belehrender Besserwisserei. Deutsche neigten dazu, Ziele und Ergebnisse vorzuschreiben, sich auf dem Weg dorthin eher unflexibel zu verhalten und lokale Besonderheiten bisweilen sträflich zu vernachlässigen. Dem setzt ein Studienteilnehmer aus Russland folgende Beobachtung entgegen: »Ich sehe Deutschland nicht als lehrmeisterlich an. Es geht um eine neue Kultur der Verantwortlichkeit. Dass Deutschland auch Verantwortung dafür übernimmt, was außerhalb Deutschlands passiert, imponiert mir.«

Insgesamt erwarten die Befragten in der inter­nationalen Zusammenarbeit eine gleichberechtigte Partnerschaft und eine ausgewogene Bilanz aus Geben und Nehmen. Ein starkes Deutschland wird nun auch stärker in die Pflicht genommen. Einige wundern sich allerdings darüber, dass Deutschland nicht von sich aus und weniger abwartend als bisher neue Angebote macht, die die beidseitig gewünschte Kooperation auf eine breitere Basis stellen könnten.

Ein Vorbild mit Kommunikationsproblem

Viele Gesprächspartner kritisieren eine mangelnde Präsenz, Außendarstellung und Selbstvermarktung Deutschlands rund um den Globus. Schon am Ende der ersten GIZ-Studie stand deshalb das Fazit: Deutschland verkauft sich unter Wert. Was hat das mit seiner neuen globalen Verantwortung zu tun? Viel. Verantwortung korrespondiert mit Erwartungen, und diese beruhen auf all dem, was bislang »angekommen« ist. 

Deutschland muss in internationalen Fragen den nächsten Schritt gehen.

Gesprächspartner aus Italien

So sind etwa bei Menschen weltweit noch immer viele Fragen offen, wenn es um die Energiewende geht. Das Prestigeprojekt deutscher Energie- und Umweltpolitik trifft im Ausland nicht immer auf Verständnis. Zwar loben viele Studienteilnehmer den Mut zur Innovation – die deutsche Energie­politik habe in dieser Hinsicht Modellcharakter. Vor allem Gesprächspartner, deren Heimatländer selbst großes Potenzial für die Nutzung erneuerbarer Energien bieten, wünschen sich einen engen Austausch mit Deutschland. Doch zugleich gibt es Zweifel, ob die Energiewende überhaupt machbar ist – sowohl technologisch als auch finanziell. »Die Energiewende löst auf der einen Seite Neugier aus, auf der anderen Seite Skepsis«, so ein Gesprächspartner aus den USA. Insbesondere die strikte Ablehnung der Atomkraft, vor allem seit dem Unfall im japanischen Kernkraftwerk Fuku­shima 2011, ist für viele Teilnehmer nicht nachvollziehbar. Sie wähnen darin eine Art emotionale Überreaktion oder eine »verborgene Agenda« und wünschen sich eine sachliche, überzeugende Erklärung für diesen Schritt.

Die deutsch-russische Zusammenarbeit sollte realistisch gestaltet sein und mit weniger moralischen, sondern tiefergehend verstehenden Zügen versehen sein.

Gesprächspartner aus Russland

Auf deutscher Seite gibt es also offenbar ein Kommunikationsproblem. Und dieses hat einiges mit der Frage nach einer stärkeren Verantwortung Deutschlands zu tun. Denn Verantwortung überträgt man nur dem gerne, dem man vertraut. Und man vertraut nur dem, der seine Angelegenheiten offenlegt und transparent kommuniziert. Diese Transparenz gilt nicht zuletzt auch für eigene Interessen. Sie klar zu benennen gilt als ehrlich und wird honoriert. Grundsätzlich besteht das Vertrau­en gegenüber Deutschland durchaus. »Auch wenn ihr euch manchmal in Regeln verfahrt, habe ich nie Probleme, euch zu vertrauen«, sagt ein Teilnehmer. Deutsche gelten gemeinhin als verlässlich und berechenbar. Mancher vermutet jedoch, dass das Vertrauen der Deutschen nach außen weniger stark sei als nach innen: »Werte wie Seriosität, Vertrauen und Zuverlässigkeit sind den Deutschen im eigenen Land sehr wichtig, im Verhältnis gegenüber anderen Ländern der EU aber nicht immer«, so ein Teilnehmer. 

»Deutschland in den Augen der Welt«, dieses internationale Stimmenpanorama, legt also nahe: Viele Menschen wünschen sich, Deutschland möge eine neue und größere globale Verantwortung übernehmen. Eine, die seiner tatsächlichen Stärke gerecht wird. Doch das geht nur mit einer besseren Kommunikation deutscher Politik und Interessen und einer besseren Vermarktung deutscher Fähigkeiten und Leistungen. Mehr noch: Mit größerer Offenheit könnte dieses weltweit überaus positiv bewertete Land zukünftige globale Entwicklungen glaubwürdiger denn je mitgestalten. Oder, wie es ein Studienteilnehmer aus Italien mit einem leicht mahnenden Unterton ausdrückt: »Deutschland muss in internationalen Fragen den nächsten Schritt gehen. Das letzte Paar Schuhe hat noch gepasst. Ob die nächste Schuhgröße stimmt, bleibt abzuwarten.«