Den Vorrang wirtschaftlicher Entwicklung durch Nachhaltigkeit ablösen

Die UN-»Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung« ist mehr als ein entwicklungs- und umweltpolitischer Forderungskatalog. Sie ist ein globales Bekenntnis zur Sicherung der Zukunft auf unserem Planeten, das nun weltumspannend umgesetzt werden muss. Deutschland muss hier weiterhin Treiber bleiben und die Umsetzung der Ziele in Europa forcieren. Dazu brauchen wir in einer eng vernetzten Welt, die sich als Schicksalsgemeinschaft begreift, einen Paradigmenwechsel in unserer Wirtschaftsweise.

Durch die Vorherrschaft der Ökonomie ist es zu einer rasanten und unvorstellbaren Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen gekommen, und die Umweltveränderungen aufgrund des beschleunigten Klimawandels bedrohen alle Entwicklungserfolge der letzten Jahrzehnte. Wenn wir weltweit so weiter wirtschaften wie bisher, benötigt die Menschheit bereits 2030, also in nur 13 Jahren, zwei Erdplaneten, um ihren Rohstoffbedarf zu decken und ihre Abfälle verträglich zu entsorgen. Im Jahre 2050 wären es bereits drei Erden. Unsere Wirtschafts- und Konsumweise gerät an die Grenzen des Erdsystems: Energisches Umsteuern ist notwendig, um globale Krisen zu verhindern.

Ein Vierteljahrhundert beschleunigter Globalisierung hat zu einem ungeahnten Zuwachs an Wohlstand und Lebensqualität geführt – auch und gerade in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Zugleich hat die Globalisierung zu einer starken sozialen Polarisierung von Gesellschaften in zahlreichen Ländern der Erde geführt: Soziale Ungleichheit bedroht den gesellschaftlichen Frieden und damit die politische Stabilität in immer mehr Ländern, aber auch im globalen Maßstab. 

Es ist an der Zeit, die wirtschaftliche Entwicklung in die Gebote der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit einzubetten. Deutschland, das besonders von der Globalisierung profitiert und in manchen Bereichen Musterschüler in Nachhaltigkeit ist, kann und muss zum Vorreiter einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft globalen Maßstabs werden. Von Deutschland müssen dazu starke Initia­tiven zum Umsteuern in der Weltwirtschaft ausgehen. Wir müssen unsere Exportpolitik auf den Prüfstand stellen und über Auflagen für Importe sprechen. Als Wirtschaftsmacht hat Deutschland gemeinsam mit Europa die Kraft, für Veränderungen zu sorgen und den Klimawandel und die unverantwortliche Ausbeutung der natürlichen Ressourcen einzuschränken. Gelänge dies auf europäischer Ebene und in Kooperation mit aufsteigenden Schwellenländern sowie afrikanischen Partnern, könnte die Transformation der Weltwirtschaft hin zur Nachhaltigkeit rechtzeitig gelingen. Ohne einen solchen Paradigmenwechsel aber läuft unser internationales Engagement für Frieden und Entwicklung ins Leere.