Das Jahrhundert der Umbrüche

Von Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber

Vor unseren Augen vollzieht sich eine neue Völkerwanderung und sie erfasst diesmal den ganzen Planeten: Die Menschheit im 21. Jahrhundert zieht um – von Haus zu Haus, vom Land in die Stadt, vom Dorf in die Metropole, vom Heimatland zum Nachbarstaat, von Kontinent zu Kontinent. Bis 2050 könnte die globale urbane Bevölkerung auf 6,5 Milliarden Menschen anwachsen. Diese demografische Dynamik findet derzeit vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern statt, und an der Doppelproblematik Urbanisierung und Klimawandel könnte der soziale und internationale Friede, der seit dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Regionen der Erde herrscht, zerbrechen. 

Prekäre Urbanisierung 

Sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, werden sich im Verlauf dieses Jahrhunderts wei­tere ein bis zwei Milliarden Menschen in informellen Siedlungen niederlassen, wo Klimarisiken besonders hoch sind. Circa ein Drittel der urbanen Bevölkerung hat keinen adäquaten Wohnraum; 2012 lebten über 860 Millionen Menschen in Slums und hatten keinen Zugang zu Infrastruk­turen, die sauberes Trinkwasser oder sanitäre Versorgung sicherstellen würden. 

An der Doppelproblematik Urbanisierung und Klimawandel könnte der soziale und internationale Friede, der seit dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Regionen der Erde herrscht, zerbrechen.

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber

Über die Menschenunwürdigkeit dieser Lebensbedingungen hinaus nährt eine solche Ab- und Ausgrenzung von Menschen das Potenzial einer gesellschaftlichen Destabilisierung, die sich auch auf die nationale und transnationale Sicherheit auswirken könnte. 

Klimaschutz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit

Zum einen ist es wichtig, Urbanisierung zu entschleunigen und nachhaltiger zu gestalten, indem man etwa durch entwicklungspolitische Maßnahmen ländliche Entwicklung und Klimakapazitätsaufbau fördert und den Menschen somit eine Anpassung an den Umweltwandel ermöglicht. Neuartige Temperatur­extreme und veränderte Niederschlagsmuster dürften nicht zuletzt Ernten vernichten – insbesondere in Ländern, deren Landwirtschaft auf natürlichem Regen basiert und in denen keine alternativen Bewässerungsmethoden genutzt werden. Mangelnde Anpassung an klimatische Veränderungen könnte eine mas­sive Intensivierung der Landflucht zur Folge haben. Kapa­zitätsbildung durch den Aufbau von meteorologischen Diensten und Klimaservice­zentren ermög­lichen es, dem Klimarisiko zu begegnen. ­Darüber hinaus sollten Bildungsinitiativen zum Thema Klimawandel gestartet werden, die sich an Schulen, Universitäten und Forschungs­insti­tu­tionen angliedern.

Bis 2050 könnte die globale urbane Bevölkerung auf 6,5 Milliarden Menschen an­wachsen, vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber

Zum anderen besteht die Notwendigkeit, eine menschen- und umweltgerechte Urbanisierung ­sicherzustellen. Im Rahmen der prognostizierten Stadtentwicklung müsste der Bau von Wohnungen und Infrastrukturen auf CO2-neutralen oder CO2-armen Pfaden eingeleitet werden. Wenn etwa zusätzliche Quartiere für drei Milliarden Menschen nach altem Muster aus Beton, Blech, Stahl, Glas und Kunststoffen errichtet würden, dann wäre das Treibhausgasbudget, das unserer Zivi­lisa­tion gemäß dem Pariser Abkommen noch zur ­Verfügung steht, schon mehr als zur Hälfte verbraucht! Ebenso ist eine Reform der Stadtarchitektur von kritischer Bedeutung: Beispielsweise könnte die polyzentrische Organisation von Siedlungen die Absorption und Integration von Menschen in urbanen Räumen erleichtern.

Mit dem Pariser Klimaabkommen und der Ver­abschiedung der Sustainable Development Goals wurden 2015 Menschheitsziele definiert, die von den heute lebenden Generationen umgesetzt werden müssen. Deutschland und Europa sollten einerseits ihre Wirtschaftssysteme und Gesellschaften zukunftsfähig und damit klimafreundlich ­gestalten. Andererseits obliegt den europä­ischen Staaten eine besondere Verantwortung gegen­über den Entwicklungsländern, wo sich die »große Transformation« zur Nachhaltigkeit ohne den ­Umweg einer langen, schmutzigen Industri­alisierungsschleife entfalten könnte.