Afrikanische Renaissance in der deutschen Politik

Von Dr. Stefan Mair

Afrika erfreut sich in Deutschland großer politi­scher Konjunktur. Der Bundespräsident, die Bundes­kanz­lerin, der Außenminister und die Verteidigungs­ministerin reisen dorthin, der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist ein häufiger Gast auf dem Kontinent. Das BMZ schlägt einen umfassenden Marshallplan für Afrika vor, das Finanz­ministerium bemüht sich um einen Africa Compact der G20, und die EU kündigte einen External Investment Plan für Afrika an.

Der Beginn dieser Konjunktur ist leicht zu datieren. Gegen Ende des Jahres 2015, als sich die im Sommer rapide ansteigende Flüchtlingsbewegung aus dem Mittleren Osten langsam abzuschwächen begann, setzten sich dreierlei Erkenntnisse durch. Erstens: dass sich eine solche Flüchtlingsbewegung, ist sie erst einmal in Gang gesetzt, schwer kon­trollieren lässt. Zweitens: dass sie zu großen innergesellschaft­lichen und zwischenstaatlichen Verwerfungen in Europa führen kann. Und drittens: dass in Afrika sehr viel mehr Menschen als im Mittleren Osten leben, die entweder guten Grund zur Flucht haben oder sich nicht zu Unrecht ein besseres Leben in Europa erhoffen. Dies musste zwangsläufig die Aufmerksamkeit auf Afrika lenken und die Frage aufwerfen, wie ein massiver Wanderungsstrom aus dem südlichen Nachbarkontinent wenn nicht völlig zu verhindern, so doch in bewältigbare Bahnen zu leiten sei.

Kein Mangel an grandiosen Entwicklungsplänen

Leider ließ diese Besorgnis zwei seit Langem zweifelhafte Annahmen fröhliche Urständ feiern: Erstens bedürfe es nur eines ausreichend ambi­tionierten und umfassenden Plans, um Afrika zu entwickeln. Zweitens müsse man einfach nur noch mehr Ressourcen in den Kontinent umleiten, um dies zu erreichen. Tatsächlich leidet Afrika nicht unter einem Mangel an grandiosen Entwicklungsplänen, ob auf nationaler, regionaler oder kontinentaler Ebene. Der letzte davon mit umfassendem Anspruch, dessen Wirkung nur schwer nachweisbar ist, ist die New Partnership for Africa’s Dev­el­opment (NEPAD). Von afrikanischen Regierungen mithilfe amerikanischer und europäischer Be­rater 2000 entwickelt, von der AU 2001 angenommen und von der G8 2002 im Rahmen des Afrika­aktionsplans mit weitreichenden Finanzierungszusagen versehen, fristet er mittlerweile ein Dasein in den Schubladen afrikanischer Institu­tionen und westlicher Entwicklungsbehörden. Auch wenn die Finanzierungszusagen für Nepad seitens der G8 kaum eingehalten wurden, kann auch die zweite Annahme als weitgehend widerlegt gelten: Addiert man sämtliche Zuflüsse an multilateraler und bilateraler Hilfe nach Afrika seit den 60er-Jahren auf, wird leicht ein Volumen erreicht, das weit über dem des Marshallplans für Europa liegt. Setzt man die zwischen 1960 und 2014 an Subsahara-Afrika geleistete Entwicklungshilfe in Höhe von 1.285 US-Dollar pro Kopf in Bezug mit der Summe von 166 US-Dollar pro Kopf, mit der im selben Zeitraum Ost-, Südostasien und der Pazifik unterstützt wurden, und vergleicht sie dann mit dem jeweiligen Zuwachs an BIP in beiden Regionen, ergibt sich für die Anwälte erhöhter öffentlicher Finanztransfers ein wenig über­zeugendes Bild.

Auch ein Marshallplan für Afrika bietet keine Ab­kürzung für die mühsame sozioöko­nomische Entwicklung des Kontinents.

Dr. Stefan Mair

Dennoch: Die gegenwärtige Aufmerksamkeit für Migrations- und Fluchtursachenbekämpfung – beides sehr unterschiedliche Herausforderungen und Aufgaben – hat einen großen Vorteil: Sie lenkt den Blick mehr als bisher auf die Frage, wie es gelingen könne, Fluchtgründe zu mindern und wirtschaftliche Perspektiven für Abwanderungs­willige im Heimatland oder zumindest in der Heimatregion zu schaffen. Sie rückt damit die Verantwortung für die Beilegung von Konflikten und die Beendigung politischer Unterdrückung – beides nach wie vor die Hauptgründe für Flucht – sowie die Schaffung von Einkommensmöglichkeiten für potenzielle Migranten in den Fokus.

Motive für Flucht und Migration

Blickt man auf die Hauptherkunftsländer von Flüchtenden aus Afrika in Europa, ragen Eritrea, Nigeria, Somalia, Sudan und Gambia hervor. Eritrea dürfte derzeit neben Nordkorea die repressivste autoritäre Herrschaft weltweit aufweisen, Gambia bleibt dahinter nur wenig zurück. Somalia und Sudan sind faktisch zerfallene beziehungsweise zerfallende Staaten, in denen sich jahrzehntelange Bürgerkriege mit einem hohen Einfluss radikal-islamistischer Strömungen mischen. Nigeria ist sicherlich ein Sonderfall, weil sich hier die relativ hohen Zahlen von Zufluchtsuchenden gleichermaßen auf die Motive Flucht vor Gewalt (vor allem im Norden des Landes) und Erwerbsmigration zurückführen lassen dürften. Im Vergleich zu der Menge von Repression und Kriegsgewalt unmittelbar betroffener Afrikaner ist die Zahl der in Deutschland registrierten Flüchtlinge aus Afrika relativ gering. Der Hauptgrund hierfür dürfte sein, dass der großen Mehrheit der Betroffenen die ökonomischen Mittel für die Flucht nach Europa fehlen. Sie suchen deshalb vorerst in sicheren Regionen des Heimatlandes oder in einem Nachbarstaat Zuflucht. Die UNHCR geht von fast 4,5 Millionen Flüchtlingen in Afrika aus. Mittelfristig kann hieraus durchaus eine Zweit­rundenmigration erfolgen. 

Für die Afrikapolitik erfolgen aus dieser Lage dreierlei Handlungsstränge: Ein nachdrückliches Engagement für die Herstellung von Frieden und Sicherheit ist nach wie vor unerlässlich. Unter dem Eindruck der negativen Konsequenzen der militärischen Interventionen im Irak und in Afghanistan wird leider allzu oft vernachlässigt, dass die VN-Missionen zur Friedensschaffung und Friedenssicherung am Golf von Guinea und an Afrikas Großen Seen sehr wohl dazu beigetragen haben, dass der Prozess des Staatszerfalls aufgehalten, im Falle Liberias, Sierra Leones und Guineas sogar revidiert, die Zahl der Bürgerkriegstoten massiv reduziert und die Lebensverhältnisse insgesamt deutlich erträglicher gestaltet werden konnten. Auch für Mali lässt sich ein Erfolg militärischer Intervention behaupten. Daraus erwächst die weitere Verpflichtung auch für europäische Staaten, zu solchen Missionen militärisch beizutragen. Diese Aufgabe kann nicht von afrikanischen Streitkräften allein gestemmt werden, selbst wenn Ausrüstungs-, Ausstattungs- und Ausbildungs­hilfe ihre Leistungsfähigkeit deutlich gestärkt haben. Die prioritären Zielgebiete für friedensschaffende und -erhaltende Maßnahmen sind unschwer zu identifizieren: Libyen, Nord-Mali und Nord-Niger, Südsudan, Somalia, Ostkongo und Burundi. Eskalieren oder schwelen diese Konflikte weiter, werden die afrikanischen Flüchtlingszahlen kaum zurückgehen.

Trotz der teilweisen Restauration autoritärer Regime nach den Demokratisierungswellen der 90er-Jahre gibt es in Afrika nur wenige autoritäre Systeme, in denen die politische Repression so massiv ausfällt, dass sie zahlreiche Menschen in die Flucht treibt. Dazu gehören zuvorderst die bereits genannten Eritrea und Gambia, im gerin­geren Maße auch autoritäre Staaten in Zentral- und Westafrika. Die Versuche Deutschlands und Europas, diese Regime durch äußeren Druck zu ändern, waren bisher nicht sehr erfolgreich. Dennoch gibt es zu ihrer weiteren Isolierung und Sanktionierung kaum Alternativen – schon allein, um den Nachahmungseffekt einzudämmen. In autoritären Ländern wie Simbabwe, wo Nichtregierungsorganisationen nach wie vor Bewegungsspielraum haben, muss auch weiterhin auf die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Gruppen mit der Hoffnung auf ihren transformativen Charakter gesetzt werden.

Ein relativ höheres Entwicklungsniveau in Afrika könnte auch zur Folge haben, dass sich mehr Afrikaner die Auswanderung nach Europa leisten können.

Dr. Stefan Mair

Die Tatsache, dass das Gros der afrikanischen Flüchtlinge in Lagern des Heimatlandes oder des Nachbarstaates unterkommt (mit geringen Aussichten, in ihre Heimat    zurückzukehren), macht notwendig, für sie dort wirtschaftliche Perspek­tiven zu schaffen. Die große Herausforderung hier ist es, Fördermöglichkeiten aufzusetzen, die von der angestammten Bevölkerung nicht als ungerechtfertigte Privilegierung der Hinzugekommenen verstanden werden. Hier gilt es, die noch jungen Erfahrungen aus dem Jordan Compact auszuwerten. Eine Mischung aus einseitigen Handels­privilegien seitens der EU für Gastländer der Flüchtlinge, Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen und gezielter Ausbildungshilfe, die Flüchtlingen und Aufnahmegemeinschaften gleicher­maßen zur Verfügung stehen, könnte Bleibeperspektiven eröffnen.

Wirtschaftliche Perspektiven durch private Investitionen

Die wirtschaftliche Stabilisierung von Flüchtlingsgemeinden und damit die Minderung des Anreizes weiterzuziehen wird aber nur gelingen, wenn die lokale und die internationale Privatwirtschaft in Arbeitsplätze investieren, die Einkommen schaffen. Diese Aufgabe stellt sich nicht nur für die Aufnahmeregionen von Flüchtlingen, sondern für die Entwicklung Afrikas generell. Hier deutet sich in der Entwicklungszusammenarbeit ein Paradigmenwechsel an, der anerkennt, dass nur unternehmerische Aktivitäten wirtschaftliche Perspektiven eröffnen können. Eine besondere Rolle spielt hierbei die verarbeitende Industrie, die in der Regel längere Investitionszyklen und mehr höherwertige Arbeitsplätze aufweist als der Dienstleistungssektor. Damit richtet sich wiederum das Augenmerk auf Investitionsbedingungen. Vier zentrale Parameter sind geeignet, Investitionsentscheidungen zu beeinflussen: (1) Marktgröße, (2) Infrastruktur, (3) politische Kalkulierbarkeit und Rechtssicherheit sowie (4) Ausbildungsstand der Arbeitskräfte.

Generell sind die nationalen Märkte der meisten afrikanischen Staaten für größere Investitionen der verarbeitenden Industrie zu klein – nicht gemessen an der Bevölkerungszahl, sondern an den Einkommen, die der Bevölkerung jeweils zur Verfügung stehen. Einzige Ausnahmen hierin sind wohl Ägypten, Algerien, Nigeria, Südafrika und mit Einschränkungen Kenia. Deshalb führt an der regionalen Integration nationaler Märkte und an ihrem besseren Anschluss an internationale Wert­schöpfungsketten kein Weg vorbei. Investitionen können nämlich nicht nur dem nationalen Markt, sondern auch der Belieferung von Exportmärkten dienen. Leider ist die bisherige Bilanz Afrikas in dieser Hinsicht dürftig. Die einstmals mit großen Hoffnungen verbundenen west- und südafrikanischen Integrationsprojekte ECOWAS- und SADC sind bisher kaum vorangekommen. Allein die EAC kann beim Aufbau einer Freihandelszone bedeutsame Erfolge verbuchen. Daneben existiert die Südafrikanische Zollunion (SACU), die aber nur eine marginale Erweiterung des Marktes Süd­afrika darstellt. Nach wie vor scheint die forcierte Inte­gra­tion weniger gleichgesinnter Staaten gegenüber den überam­bitio­nierten transregionalen oder gar kontinentalen Frei­han­dels­pro­jekten Afrikas der bessere Weg. Deshalb ist auch der Abschluss von biregionalen Freihandelsabkommen zwischen der EU und afrikanischen Ländergruppen (Economic Partner­ship Agreement, EPA) zu präferieren. Auch um ausländische Investitionen an­zuziehen, sind EPAs wichtig. So liegt für deutsche und europäische Unternehmen ein großer Vorteil der EPAs in der leichteren Erschließung afrika­nischer Märkte und der zunehmenden Marktgröße infolge der regionalen Wirtschaftsprozesse. Eine Ablehnung der EPAs bei gleichzeitiger Forderung nach mehr Enga­gement von deutschen und europäischen Unternehmen in Afrika widerspricht sich.

Nicht umfassende Pläne, sondern funktionierende staatliche, gesellschaftliche und privatwirtschaftliche Institutionen sind entscheidend für Entwicklung.

Dr. Stefan Mair

Darüber hinaus müssen afrikanische Regierungen entschlossene Maßnahmen zur Handelserleichterung treffen. Methoden der Zollerhebung und der Erteilung von Aus- und Einfuhrlizenzen, die Verwaltung von Häfen und Flughäfen müssen in diesem Sinne harmonisiert und vereinfacht werden. Afrikanische Regierungen sollten das Trade Facilitation Agreement der WTO als Chance erkennen, schnell ratifizieren und umsetzen; und Deutschland sollte die dafür notwendige Hilfe leisten. Nur dann werden afrikanische Standorte für Investi­tionen im Rahmen globaler Wertschöpfungsketten attraktiv. Schließlich scheitern Markterschließung und Handelsverkehr nicht nur an nationalen Grenzen, sondern an den in vielen afrikanischen Ländern noch immer üblichen Straßensperren, die von Polizei und Staatsgewalt zur Erhebung informeller Steuern genutzt werden.

Geringe Verlässlichkeit von Recht und politischen Rahmenbedingungen

Diese Form der informellen Besteuerung, gemeinhin Korruption genannt, weist auf ein weiteres zentrales Investitionshemmnis hin: die geringe Verlässlichkeit von Recht und politischen Rahmen­bedingungen. Investitionen, vor allem im verarbei­tenden Gewerbe, haben stets mehrjährige Abschreibungsperioden. Wenn das Risiko hoch ist, dass während dieser Periode ein umfassender politischer Wechsel die Gültigkeit von Lizenzen, die bestehenden Marktkonstellationen und Geschäfts­bedingungen infrage stellt oder gar die Gefahr entschädigungsloser Enteignung birgt, wird der Investor von einem Engagement Abstand nehmen. Ähnlich investitionshemmend wirkt sich mangelnde Rechtssicherheit aus. Wenn Rechtstitel nur durch Korruption oder gar nicht zu erwirken sind, nehmen vor allem mittelständische Unternehmen Abstand. Für einen Betrieb mit einem Jahresumsatz von wenigen Millionen Euro kann ein Schadensfall von einigen Hunderttausend Euro existenzbedrohend sein. Wenn lokale Partner sich nicht an Vereinbarungen halten, Kunden ihre Rechnungen nicht begleichen, staatliche Stellen spontan zusätzliche Abgaben erheben und der Rechtsweg keinen Schutz gegen Betrug und Willkür bietet, ist das Scheitern einer Investition schnell erreicht. Fast alle afrikanischen Staaten nehmen hintere Plätze im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International ein. Deshalb ist die Unterstützung für den Aufbau verlässlicher politischer Institutionen, von Rechenschaftspflicht und Rechtssicherheit eine unerlässliche und vordringliche Aufgabe für das deutsche Afrikaengagement. Des Weiteren gilt es, das Garantieinstrumentarium für Auslandsin­vestitionen auf deutscher und europäischer Ebene weiterhin auszubauen. Schließlich muss bei der Investitionsförderung deutlich mehr Augenmerk auf die Beteiligungsmöglichkeiten der afrikanischen Diaspora in Europa gelegt werden.

Zu Recht ist in den vergangenen Jahren der Errichtung einer hinreichenden physischen Infrastruktur wieder mehr Aufmerksamkeit in der Entwicklungszusammenarbeit geschenkt worden. Sie ist Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung. Ohne verlässliche Energie- und Wasserversorgung können Produktionsstätten nicht oder nur mit hohen Zusatzkosten betrieben werden, ohne ein Straßen- oder Eisenbahnnetz Güter nicht zu Kunden transportiert werden, ohne Telekommuni kationsnetze notwendige Informationen nicht ausgetauscht und ohne funktionierende Häfen und Flughäfen Waren nicht importiert oder exportiert werden. Zweifelsohne sind in Afrika massive Investitionen in den Aufbau physischer Infrastruktur notwendig. Das Beispiel des Mobilfunknetzes beweist, dass hier Innovationen durchaus die Möglichkeit zu Technologiesprüngen bieten. Die größte Schwäche afrikanischer Infrastruktur liegt aber weniger in fehlenden Investitionen zu ihrem Aufbau als vielmehr in ihrer unzureichenden In­stand­haltung. Hier mangelt es sowohl an der Effektivität der Gebührenerhebung wie auch an deren Verwendung zu notwendigen Repara­tur- und Erneuerungsmaßnahmen. Eine Vielzahl der mittlerweile durch chinesische und andere Fördermittel großzügig unterstützten Infrastrukturprojekte wird in wenigen Jahrzehnten erneut brachliegen, wenn es nicht gelingt, die Strukturen zu ihrer Instandhaltung zu schaffen. 

Investitionen bedürfen allerdings nicht nur einer physischen Infrastruktur, sondern auch eines Arbeitskräftereservoirs, das über hinreichende Fertigkeiten verfügt. Zwar steht außer Zweifel, dass die meisten afrikanischen Länder aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums künf­­tig zu den wenigen Regionen gehören werden, in denen das Arbeitskräftepotenzial groß ist. Doch ohne ein Minimum an allgemeinbildenden und technischen Fertigkeiten ist dieses Potenzial für die meisten Investoren nicht zu heben. Insbeson­dere ausländische Investoren im verarbeitenden Sektor setzen einen gewissen Fachkräftebestand voraus. Ein deutscher Automobilbauer und seine Zulieferer bauen im Prinzip gleiche Fertigungsstätten im Ausland wie im Inland und bedürfen für deren Betrieb Fachkräfte. Zwar haben die meisten afrikanischen Staaten in den vergangenen Jahren große Fortschritte in der Primarschul- und zum Teil auch in der Sekundarschulbildung erreicht. Doch hat sich dies bisher kaum in funktionierende Systeme der Berufsausbildung übersetzt. Die in der Vergangenheit unter Entwicklungshilfegebern so beliebten Vocational Training Centres haben häufig an der Nachfrage der Privatwirtschaft vorbei ausgebildet. Die stärkere Einbeziehung von Unternehmen in die Ausgestaltung von berufs­bildenden Maßnahmen ist unerlässlich.

Die neue deutsche Afrikapolitik

Vieles von dem bisher Beschriebenen macht deutlich, wie sehr sich die Voraussetzungen für einen Marshallplan im heutigen Afrika von denen im vom Krieg zerstörten Europa unterscheiden. Äußere Militär- und Besatzungsmächte garantierten Frieden und Sicherheit auf dem europäischen Kontinent. Die Produktion von Waren und die Wieder­errichtung von Inlands- und Auslandsmärkten konnte an lange bestehende Geschäfts- und Handelsbeziehungen anknüpfen. Ähnliches galt für staatliche Institutionen. Die meisten europäischen Staaten waren vor der Machtergreifung von Faschisten und Nationalsozialisten etablierte Rechtsstaaten, viele von ihnen pluralistische Demokra­tien. Der Wiederaufbau und die Instandhaltung der Infrastruktur konnten durch funktionierende Behörden gewährleistet werden. Ebenso konnte die Berufsbildung an Vorkriegsstrukturen anknüpfen, die zum Teil sogar in der Kriegsphase aufrechterhalten wurden. Der Marshallplan war damit nicht mehr als eine Anschubfinanzierung, die weniger der Schaffung als vielmehr der Wiedererrichtung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme diente. Auch ein Marshallplan für Afrika bietet keine Abkürzung für die mühsame sozioökonomische Entwicklung des Kontinents. Betrachtet man nicht nur die für Investitionen zentralen Parameter, sondern richtet den Blick auch auf die Folgen von Klimawandel, Urbanisierung, demografischen Wandel und Gesundheitsversorgung, wird deutlich, wie gewaltig die Herausforderungen sind. Sie werden nicht durch umfassende Entwicklungspläne, sondern nur durch funktionierende staatliche, gesellschaftliche und privatwirtschaftliche Institutionen bewältigt werden können.

Die Verantwortung für Unterstützungsleistungen sollte von jenen Ressorts und Behörden mit wahrgenommen werden, die im jeweiligen Feld einen komparativen Kompetenz­vorsprung haben.

Dr. Stefan Mair

Die im Zuge von Fluchtursachenbekämpfung und Migrationseindämmung stattfindende Überprüfung entwicklungspolitischer Glaubenssätze bietet aber die Chance, zwei Tendenzen zu ver­stärken, die sich in den vergangenen Jahren bereits abgezeichnet haben. Erstens hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Entwicklung nicht allein, wohl auch noch nicht einmal vorrangig Staatsaufgabe ist – weder aufseiten afrikanischer Regie­rungen noch aufseiten ihrer europäischen Partner. Der so oft zitierte Erfolg staatlich gesteuerter Entwicklung in China beruht weniger auf staatlicher unternehmerischer Tätigkeit – diese hat eher zu einer Verzerrung von Ressourcenalloka­tion bei­getragen, anstatt sie effizient zu machen – als sehr vielmehr auf der Freisetzung privatwirtschaft­licher Initiative innerhalb eines allerdings sehr festgefügten staatlichen und politischen Rahmens. Die Mehrzahl der zuvor genannten Voraussetzungen für Entwicklung – Frieden und Sicherheit, Schaffung hinreichend großer Märkte, Bereit­stel­lung physischer Infrastruktur, verlässlicher politischer und rechtlicher Rahmen, Ausbildung – fällt zwar sehr wohl in den staatlichen Aufgabenbereich. Aber ohne das Engagement zivilge­sell­schaftlicher und privatwirtschaftlicher Kräfte werden sich insbesondere die physische Infrastruktur, der politische und rechtliche Rahmen sowie die Verfügbarkeit von Fachkräften kaum verbessern lassen.

Zivilgesellschaftliche Gruppen sind besser geeignet als staatliche Institutionen, um politische Reformprozesse in Richtung eines verlässlichen politischen und rechtlichen Rahmens in Gang zu setzen.

Dr. Stefan Mair

Eine an der Schaffung von wirtschaftlichen Perspektiven ausgerichtete Afrikapolitik muss zweierlei leisten: Zum einen muss sie von der ganzen Bundesregierung und nicht nur einem Ministerium getragen werden. Fachressorts, die einen relativen Kompetenzvorsprung in bestimmten Politikfeldern haben, müssen vom BMZ noch viel stärker in die Ausgestaltung von Unterstützungsleistungen einbezogen werden, als dies bisher der Fall ist. Darüber hinaus haben AA, BMVg und BMI eine eigenständige Verantwortung für Frieden und Sicherheit; das BMWi für die Förderung von Privatwirtschaft, und Marktzugang; und das BMF für die Absicherung risikobehafteter Transaktionen und Investitionen in Afrika. Das Prinzip des kompara­ti­ven Kompetenzvorsprungs sollte auch in der Arbeitsteilung und Kooperation zwischen staatlichen und nichtstaat­lichen Institutionen greifen. Zivilgesellschaftliche Gruppen sind besser geeignet als staatliche Institutionen, um politische Reformprozesse in Richtung eines verlässlichen politischen und rechtlichen Rahmens in Gang zu setzten. Privatwirtschaftliche oder Kammerorganisationen können die Ausbildung von Fachkräften bedarfsgerechter ausge­stalten als staatliche. 

Einige Länder werden sich erfolgreicher entwickeln

Zweitens ist es völlig illusorisch, darauf zu setzen, ganz Afrika könne sich mit dem gleichen Tempo und den gleichen Erfolgsaussichten entwickeln. Wenn über den Entwicklungserfolg Asiens gesprochen wird, sind in der Regel nicht Zentralasien, Pakistan, Nepal und Laos gemeint, sondern damit werden einige wenige asiatische Länder assoziiert, allen voran China. Ebenso wird es auch in den nächsten Jahrzehnten einige wenige Länder oder Regionen in Afrika geben, die sich schneller und erfolgreicher entwickeln als andere. Drei aussichtsreiche Anwärter hierfür sind die (1) Küstenregion, die nördlich den Golf von Guinea begrenzt und die urbanen Zentren der Elfenbeinküste, Ghanas, Togos, Benins und Nigerias umfasst, (2) nach einem Regimewechsel in Simbabwe und Angola das süd­liche Afrika sowie (3) Ostafrika. Vor allem für die letztere Region spricht vieles: eine relativ große kulturelle Homogenität, die Bereitschaft zum Abbau zwischenstaatlicher und innerstaatlicher Handelshemmnisse, relativ große politische Stabilität und eine selbstbewusste Zivilgesellschaft, stärker werdende rechtliche Struk­turen, eine wachsende, gut ausgebildete Mittelschicht, zielgerichtete Investitionen in die Infra­struktur. Hinzu kommt eine geografische Lage, die über den Indischen Ozean hinweg Zugang zu schnell wachsenden Märkten in Asien schafft. Schließlich sucht eine kleine, reich gewordene politische Elite verstärkt nach Investi­tions­möglich­keiten im Land, statt sich auf den Kapital­transfer auf Anlagekonten und in europäische Immobilien zu konzentrieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die intensive Beschäftigung mit Afrika in der deutschen Politik nicht von kurzer Dauer ist und nicht von Überlegungen dominiert wird, sich möglichst effektiv von Zuwanderung abzuschotten. Die Entwicklung des Nachbarkontinents ist für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft eine große Chance, wird aber nicht notwendigerweise zu einer Verringerung des Migrationsdrucks führen. Ein relativ höheres Entwicklungsniveau in Afrika könnte auch zur Folge haben, dass sich mehr Afrikaner die Auswanderung nach Europa leisten können. Nur das Vertrauen in die Zukunftsperspektiven des eigenen Staats, der eigenen Wirtschaft und der eigenen Gesellschaft kann dieser Verlockung entgegenwirken. Dies scheint beispielsweise in Kenia der Fall zu sein, wo auf vergleichbarem Entwicklungs­niveau wie in Ghana und Nigeria ungleich weniger Menschen den Wunsch nach Auswanderung zu ver­spüren scheinen.