Afrika braucht Millionen Arbeitsplätze

Von Thomas Scheen

Eine der größten sicherheitspolitischen Herausforderungen für die Europäische Union und insbesondere Deutschland im kommenden Jahrzehnt wird die Eindämmung des Flüchtlingsstroms aus Afrika sein. Es gibt Prog­nosen, nach denen bis zu 50 Millionen Afrikaner in den kommenden zehn Jahren nach Europa drängen werden. Welche Konsequenzen dies für den inneren Frieden der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten haben wird, muss angesichts des Aufstiegs populistischer und rechtslastiger Parteien nicht näher erläutert werden.

Natürlich könnte sich die EU hermetisch abschotten, Flüchtlinge schon auf dem Meer abfangen und irgendwo in Nordafrika abladen. Die Mas­senarbeitslosigkeit in Afrika – der maßgebliche Grund für die Migrationsbewegung – wäre damit aber nicht eingehegt und eine Radikalisierung vieler junger Menschen vermutlich zwangsläufig. Das Erstarken radikaler Islamisten in Afrika ist nicht zuletzt eine Konsequenz der extremen ­Arbeitslosigkeit: Die Bärtigen bieten eine Alter­native zur Armut, denn sie zahlen ihren Kämpfern ein Gehalt. 

Jeder vierte Afrikaner jünger als 18 Jahre

Das afrikanische Bevölkerungswachstum liegt bei durchschnittlich drei Prozent. Ein Land wie Äthiopien beherbergt zurzeit 102 Millionen Menschen. Im Jahr 2050 sollen es 140 Millionen Menschen sein. Die kenianische Bevölkerung soll ­den Prognosen zufolge im selben Zeitraum von gegenwärtig 47 Millionen Menschen auf 70 Millionen Menschen wachsen. Jetzt schon sind 225 Millionen Afrikaner und damit ein Viertel der Gesamtbe­völkerung des Kontinents jünger als 18 Jahre. In vier bis fünf Jahren wird diese Generation auf ­einen Arbeitsmarkt drängen, der sie nicht einmal ansatzweise absorbieren kann. Was würde ein junger Mensch anderswo auf der Welt in einer vergleichbaren Situation tun? Er würde sein Bündel schnüren. 

Arbeitsplätze im großen Stil werden in Afrika nicht dadurch geschaffen, dem Subsistenzbauern zu einer besseren Ernte zu verhelfen, sondern dadurch, dem mittelständischen Betrieb die finanziellen Mittel an die Hand zu geben, groß zu werden.

Thomas Scheen

Um diesen Exodus zumindest zu verlangsamen, benötigt Afrika Millionen von Arbeitsplätzen. Und es ist im Interesse der Europäer, bei der Schaffung dieser Arbeitsplätze zu helfen. In Ermangelung einer forcierten Industrialisierung nach chinesischem Vorbild wird sich der Kontinent allerdings auf Bewährtes besinnen müssen: seine Landwirtschaft. 

Afrika verfügt über 400 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Das entspricht der Hälfte Australiens. Kultiviert werden aber nur zehn Prozent davon. Das fruchtbare Afrika kann sich selbst nicht ernähren und gibt jedes Jahr 40 Milliarden Dollar für den Import von Lebensmitteln aus. Dieses Potenzial gilt es zu heben.

Arbeitsplätze entstehen nicht auf den Agrarflächen, sondern bei Dienstleistern

Die klassische Entwicklungshilfe ist dafür allerdings ungeeignet, weil sie möglichst viele Menschen erreichen will und deshalb wirkt wie ein Tropfen Wasser auf den heißen Stein. Arbeitsplätze im großen Stil werden nicht dadurch geschaffen, dem Subsistenzbauern zu einer besseren ­Ernte zu verhelfen, sondern dadurch, dem mittelständischen Betrieb die finanziellen Mittel an die Hand zu geben, groß zu werden.

Die zu erwartenden Flüchtlingsströme aus Afrika können nur durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze auf dem Kontinent gebremst werden. Dafür aber müsste die klassische Entwicklungshilfe endlich marktwirtschaftlich organisiert werden.

Thomas Scheen

Die Arbeitsplätze entstehen nicht auf den Feldern, sondern in den Lagerhallen, den Kühlhäusern, den Werkstätten für landwirtschaftliche Maschinen, den Verpackungsbetrieben, den Getreidemühlen, bei den Großhändlern und den Spediteuren. Von diesen mittelständischen Unternehmen gibt es genug in Afrika. Ob das nun Blumenzuchten ­in Äthiopien sind, Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste oder Fischzuchten in Sambia, sie haben alle ein gemeinsames Problem: der schwierige Zugang zu Krediten, um wachsen zu können. Wenn es Europa ernst meint mit der Bekundung, der afrikanischen Wirtschaft helfen zu wollen, muss genau dort angesetzt werden. Die Entwicklungshilfe muss endlich marktwirtschaftlich organisiert werden.